„Ick bün all hier“

In Mecklenburg-Vorpommern auf dem Weg zum Bruttonationalglück

Vortrag zur Mittsommerremise am 23. Juni 2018 in Boitin

 

Meine Damen und Herren,

ich möchte sie mit Gedanken inspirieren, die zu Ort und Anlass heute passen. Sie beziehen sich im Titel auf die Brüder Grimm, die vor 175 Jahren das Volksmärchen vom Hasen und Igel veröffentlicht haben.

Sie kennen die Geschichte. Der Hase – ein vornehmer Herr – lästert über die krummen Beine des Igels, des Landmanns. Der Igel fordert ihn zum Wettrennen auf. Preis soll ein goldener Louis d‘Or und eine Flasche Branntwein sein. Beim Rennen läuft der Igel nur ein paar Schritte, hat aber am Ende der Ackerfurche seine zum Verwechseln ähnliche Frau platziert. Sie ruft „Ick bün all hier“, als der Hase angerannt kommt. Der Hase verlangt Revanche – 73 mal. Beim 74. Rennen bricht er erschöpft zusammen und stirbt.

Ich beziehe mich ferner auf König Wangchuk – den kennen Sie vielleicht nicht. Wangchuk lebt im Himalaya und war bis 2006 König von Bhutan. Auf die Frage, wie hoch das Bruttoinlandsprodukt von Bhutan sei, hat er 1979 in einem Interview geantwortet, für Bhutan sei das Bruttonationalglück wichtiger als das Bruttoinlandsprodukt. Daraus ist später ein richtiges Entwicklungskonzept mit vier Säulen geworden:

• Förderung einer sozial gerechten Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung

• Bewahrung und Förderung kultureller Werte

• Schutz der Umwelt

• gute Regierungs- und Verwaltungsstrukturen.

Ich will jetzt nicht einen Vortrag über Bhutan sondern Mecklenburg halten. Fange aber mit derselben Frage nach dem Bruttoinlandsprodukt – dem BIP – an.

Das beträgt 2017 für Mecklenburg-Vorpommern 43 Milliarden Euro oder weniger als 27.000 Euro pro Kopf.

Unter allen Bundesländern ist das der niedrigste Wert. Und war seit 1990 immer der niedrigste Wert. Und es wird aller Wahrscheinlichkeit auch der niedrigste bleiben. Da stehen wir im Deutschland-Vergleich wohl ähnlich da wie Bhutan im internationalen Ranking. Im Rennen um Wachstum sind wir in Mecklenburg-Vorpommern nicht Hase, sondern Igel.

Nun sagt unsere Landesregierung „MV tut gut“, „MV ist Land zum Leben“ und die Krönung „MV ist Gesundheitsland“. Für diese Botschaft fahren unsere Vertreter sogar auf Messen an den Persischen Golf.

Der Beweis: Ganze 15 % des BIP entfallen in MV auf die Gesundheitswirtschaft. Kein Bundesland schafft mehr. Bayern kommt nur auf 10,2 %.

Bedeutet Gesundheitsland unser MV-Glück? Sind wir Bhutan schon ähnlich?

Nicht wirklich, eigentlich sogar das Gegenteil. Das Gesundheits-BIP fällt umso höher aus, je mehr Pflegebedürftige und Kranke es gibt. Weil in MV besonders viele Alte, Arme und schlecht Gebildete leben, haben wir eine besonders kranke Bevölkerung. So blühen Pflegedienste, Krankenhäuser und Therapeuten.

Anders ausgedrückt: Wenn Sie in Mecklenburg ein Haus mit großem Garten und ein paar Tieren zur Selbstversorgung besitzen und nach der Devise leben „Ich habe alles, was ich brauche“ leisten sie einen lausigen Beitrag zum BIP. Wenn sie aber heute hier ganz tief ins Glas schauen, dann falsch auf die Autobahn auffahren und einen Massenunfall erzeugen, machen Sie sich um das BIP und die Gesundheitswirtschaft verdient.

Meine Damen und Herren, der Hase, der im Wachstumswettlauf um den Globus rennt, ruiniert sich und unsere Lebensgrundlagen. Der Igel dagegen steht für clevere Nutzung seiner Ressourcen. Was kann der Mecklenburger Igel von Bhutan lernen?

Sicher das, was den Mecklenburger und die Mecklenburgerin ohnehin auszeichnet: eine gewisse Gelassenheit, Bodenständigkeit, Fortschrittsskepsis. Was wir zusätzlich lernen können, ist Stolz auf unser Anderssein, auf die guten – und nur die guten – Seiten von Gestrigkeit.

Wenn wir in Mecklenburg und Vorpommern nach dem Glück in bhutanhafter Abgeschiedenheit suchen, dann finden wir es im Binnenland abseits der touristischen und gewerblichen Boom-Orte – wie hier in Boitin. Hier entwickelt sich etwas, das ich Neue Ländlichkeit nenne.

Zunächst: Was ist denn Alte Ländlichkeit? Für die Meisten, die nicht abwanderten und nicht auf der Sonnenseite des Gutsbesitzes standen, hieß das schicksalhaft Dorfleben von der Wiege bis zur Bahre bei harter körperliche Arbeit, Bindung an Landwirtschaft, ausgeprägten Klassengegensätze und zivilisatorischer Rückständigkeit gegenüber der Stadt. Das alles angesichts geringer Bildungs- und Finanzressourcen.

Alte Ländlichkeit ist untergegangen. Menschen, die in der Landwirtschaft gearbeitet haben, sind weggezogen, langzeitarbeitslos, in Rente oder haben sich eine völlig neue Existenz auf dem Lande aufgebaut. Heute gibt es in ganz Mecklenburg-Vorpommern noch 16.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte in Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft zusammen. Das sind 1 Prozent der Bevölkerung.

Mit einer neuen Generation wird die noch bestehende mentale Bindung an Landwirtschaft weiter abnehmen.

Deshalb heißt die Aufgabe: Wir müssen das Land als Siedlungsraum neu erfinden!

Dafür steht Neue Ländlichkeit. Sie ist bewusst und frei gewählt, häufig nur für einen Lebensabschnitt. Sie führt Menschen aufs Land, die früher typischerweise in der Stadt gelebt haben: Künstler und Freiberufler, Wissenschaftler und hochspezialisierte Produzenten, Lebenskünstler und Genießer. Sie entdecken auf dem Land Genüsse und Werte, die in der Stadt unter die Räder kommen.

Meine Damen und Herren,
der globale Stadthase will immer mehr verdienen, um immer mehr auszugeben – für Reisen und Wohnen, Kleidung und Lifestyle. Der Mecklenburger Landigel weiß, dass die Glücksversprechen des Konsums süchtig machen ohne zu befriedigen. Der Genuss liegt nicht im Mehr von Allem, sondern in der Achtsamkeit für das Nichtkäufliche: die Schönheiten der Umgebung, der Sternenhimmel, Sonnenauf- und Untergänge, das dramatische Spiel der Wolken, Ruhe ebenso wie Naturgeräusche, die Farben der Libellen und Schreie der Kraniche, der Duft der Kamille unter den Füßen, der See zum Schwimmen.

Der Stadthase müht sich, soziale Distinktion durch Geschmackssicherheit bei Wein und Whisky zu beweisen. Der Landigel genießt die Aromen der Vollreife von Früchten, weiß, wie aus einem Tier ein guter Braten wird und kann Kuchen ohne Fertigmischung backen. Oder erfreut sich gerade in diesen Tagen am Geschmackserlebnis der Frühkartoffeln, die frisch aus der Erde auf den Herd kommen.

Der Stadthase preist die urbane Überfülle von Kino- und Theaterangeboten, Ausstellungen und Konzerten – für die er meist keine Zeit hat. Für den Landigel ist Kultur ein nachbarschaftliches Erleben in persönlicher Begegnung mit Künstlerinnen und Künstlern. Wie heute hier.

Der Stadthase hat das Handwerken verlernt, kauft und wirft weg. Der Landigel produziert selbst, recycelt und upcycled.

Der Stadthase geht ins Fitnessstudio und besucht Sportevents. Der Landigel genießt körperliche Arbeit im Freien, schwimmt, läuft und radelt in der Natur.

Der Stadthase ist ein Analphabet seiner Lebensgrundlagen, kann nicht mehr zwischen essbaren, ungenießbaren und giftigen Pflanzen unterscheiden. Kennt keine Pilze und kann keinen Fisch fangen. Weiß nicht, wie man sät und erntet. Der Stadthase ist Gefangener seiner kommerzialisierten und technisierten Welt. Der Mecklenburger Landigel ist ein Überlebenskünstler – auch möglicher kommender Krisen.

Ich will die klischeehaften Bilder nicht überstrapazieren. Worauf es ankommt: Wir stehen mitten in einer Revolution der Produktivkräfte, die alles umwälzen wird. Auch wenn Sie im Moment keine Handwerker finden: Es gibt genügend Prognosen, die Millionen Arbeitsplätze verschwinden sehen – in der Industrie ebenso wie in der Verwaltung, der Forschung, im Bildungswesen oder in Redaktionen.

Die Arbeitsgesellschaft, die uns der Kapitalismus seit dem 17. Jahrhundert aufoktroyiert hat, geht dem Ende entgegen. Die neuen Realitäten werden immer mehr von Hartz IV-Brot und TV-Spielen bestimmt.

Richard David Precht schreibt in seinem neuen Buch „Jäger, Hirten, Kritiker“: „Ein Gespenst geht um in der globalisierten Gesellschaft – das Gespenst der Digitalisierung.“

Ich bin überzeugt, dass die Digitalisierung bei allem, was daran zu verfluchen ist, doch auch einen Segen für das Landleben bringt. Sie emanzipiert menschheitsgeschichtlich das Land von der Stadt.

Bis vor Kurzem waren Bildung, Wissen, Kultur, politische Macht in der Stadt – und nur dort – verortet. Das Land war hinter den sieben Bergen, wo man keine Ahnung hat.

Schon seit den 1920er Jahren wanderte das Weltwissen allmählich auch aufs Land: durch Telefon, Radio, Film und vor allem mit dem Fernsehen seit den 1960er Jahren. Aber alles Wissen in Druckwerken und bei Experten blieb weiter in der Stadt konzentriert.

Das ändert sich mit mit der Digitalen Revolution. Anfang der 90er Jahre waren drei Prozent aller Informationsspeicher digital vorhanden, heute sind es weit über 90 Prozent. Die Trennung der Informationswelten von Stadt und Land wird damit aufgehoben – wenn denn der Internetanschluss leistungsfähig ist. Was im Kommunistischen Manifest vor 170 Jahren als „Idiotismus des Landlebens“ gebrandmarkt wurde, ist verschwunden. Das Internet auf dem Lande eröffnet völlig neue Möglichkeiten von Erwerb, Bildung, Medizin, Kultur und gesellschaftlicher Selbstorganisation. Die Trennung von Wohnen und Arbeiten ist nicht länger zwingend.
Das Landleben wird damit attraktiv.

Was ich postuliere, ist nicht bloße Theorie. Gehen Sie zu einer x-beliebigen Zeitschriftenauslage. Dort finden Sie das seit Jahren erfolgreichste Magazin, die „LandLust“ – mit mehr Auflage als Spiegel, Stern oder Fokus. Und daneben all die anderen, die auf der Erfolgswelle mitreiten wollen: LandIDEE, LandGenuss, LandKüche undsoweiter.

Das „Institut für Demoskopie Allensbach“ fragt seit über einem halben Jahrhundert, ob die Menschen in der Stadt oder auf dem Land „mehr vom Leben haben“. 1956 hielten 54 Prozent die Stadt für den besseren Ort, 1977 noch 39 Prozent und 2014 nur noch 21 Prozent. 40 Prozent dagegen meinten, auf dem Lande sei man glücklicher. Das Land wurde von allen Befragten – ob in Groß- oder Kleinstädten oder auf dem Lande – bevorzugt.

Manche sehen in solchen Befunden nur einen eskapistischen Traum. Wenn Sie auf MV schauen, ist es mehr: Wir haben seit 1990 die Hälfte unserer Bevölkerung durch Abwanderung einerseits und Zuwanderung andererseits ausgetauscht. Versuchen Sie mal ein Dorf zu finden, in dem es keine Zuwanderung – ob aus Westdeutschland, Berlin, Sachsen oder anderswo – gibt.

Aber der Utopie-Einwand würde mich auch nicht schrecken. Eine Utopie ist eine Idee vom Leben, die noch keinen Ort gefunden hat, noch nicht real geworden ist. Was wir heute brauchen, ist eine positive Utopie für das Landleben, die auf drei Säulen ruht

Beginnen wir mit dem Nächstliegenden, der Natur. Mit Natur meine ich nicht nur Landschaft, Pflanzen und Tiere. Für mich gehören auch dazu Handwerkliches, Selbstversorgung aus dem Garten, Eigenarbeit, das Analoge (neben den Chancen der Digitalisierung), Körperkraft und Körpererleben, Recycling und Upcycling zur Ressourcenschonung

Dann die Digitale Revolution. Sie schafft völlig neue Möglichkeiten, zum Beispiel
• Erwerbstätigkeit zu Hause
• medizinische Versorgung ohne Wartezimmer
• Lernen ohne Schulgebäude
• Einkaufen ohne Ladengeschäft
• den Haushalt managen ohne zu Hause zu sein
• Kommunikation ohne persönliche Begegnung
• alles Weltwissen auf dem heimischen Sofa

Und nicht zuletzt geht es um Kultur.

Kultur kommt aufs Dorf, denn immer mehr Kulturschaffende und Kreative sehnen sich nach Ländlichkeit mit weniger Reizüberflutung und Kommerz, mehr Raum, Naturerlebnis und Kontemplation. Solche Kulturschaffende werden zu Testimonials ländlicher Lebensqualität und Liberalität.

Auch wenn Viele in Politik und Ämtern der Kommunal- und Kreisebene es noch nicht begriffen haben: Ländliches Kulturleben ist längst was anderes als Karneval und Dorftanz.

Kultur schafft heute ländliche Kommunikationsräume statt Kneipe oder Kirche. Kultur entwickelt sich zum Kristallisationspunkt von bürgerschaftlichem Engagement.

Ich verstehe Kultur nicht nur als speziellen Lebenssektor neben Freizeit, Arbeit oder Konsum. Mir geht es in einem umfassenden Sinne um die Muße-Utopie eines Lebens, das sich von fremdbestimmter Arbeit emanzipiert. Die Antike hat Arbeit verachtet, sie war etwas für Sklaven. Muße hieß aber nicht faul sein, auch nicht vergnügungssüchtig wie heute beim Kreuzfahrt-Hopping. Es ging vielmehr darum, Neugier und Eigensinn nachzugehen, ohne primär an Erwerb zu denken. Diese Muße, wie die Antike sie pflegte, ist menschheitsgeschichtlich die Basis unserer Wissenschaft und Kultur.

Solche Neue Ländlichkeit ist eine Vision, die mir gefällt. Ihnen vielleicht auch?

Leider bin ich ratlos, welche Partei Sie wählen könnten, um so etwas zu realisieren. Ich kann Ihnen diese Utopie auch nicht volkswirtschaftlich vorrechnen.

Aber ich sehe, dass immer mehr Menschen – gerade bei uns in den scheinbar rückständigen Teilen Mecklenburgs und Vorpommerns – individuell solche Lebensentwürfe praktisch werden lassen. Da haben es die Begüterten natürlich leichter als die Habenichtse. Aber selbst Letztere haben schon manche Igelei verwirklicht.

Mecklenburg könnte ein Magnet für solche Glückssuche werden. Auch wenn das Glück Weniger noch nicht die Befreiung Aller von den Mühen entfremdeter Erwerbsarbeit und sinnlosen Konsums bedeutet: Die Wenigen können das Versuchsfeld einer postmaterialistischen Gesellschaft bieten.

Ob das – zum Beispiel nach einem Vorschlag Prechts mit einem bedingungslosen Grundeinkommen – gesamtgesellschaftlich funktioniert? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass unser jetziges Wachstums- und Lebensmodell – global gesehen – auch nicht funktionieren kann.

Die Hasen, die immer schneller nach der Wachstumspfeife des Kapitalismus tanzen, werden erschöpft umfallen. Halten wir es mit dem cleveren Igel, der dem Wahn von Wachsen und Rennen ein Schnippchen schlägt.

In diesem Sinne: „Ick bün all hier“ – genießen wir unser Hier und Jetzt in Mecklenburg!

 

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt berät Stiftungen, ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung.

 

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