Aus der Metropolen-Blase zum unentdeckten Kontinent gleich nebenan

Die in der Blase, das sind immer die anderen. Die, die unsere Fakten nicht kennen, sie ignorieren oder nicht für voll nehmen. Die, denen der Kopf gewaschen gehört, die in ihre Schranken zu weisen sind, gegen die man endlich etwas unternehmen muss. Die, denen wir schlimmstenfalls im Namen von Volk, Toleranz oder Werten unser „Raus!“ entgegenschleudern, wo sie sich bemerkbar machen.

Der Zeit-Reporter Henning Sußebach hat schon mehrfach gezeigt, dass es Erkenntnisgewinn bringt, aus der eigenen Blase – in seinem Fall das Milieu eines Hamburger Zeit-Journalisten – herauszutreten. Zum Beispiel, indem er die Hilfsbereitschaft der Reichen im noblen Taunusort Kronberg testete und mehr Unterstützung unter den Armen von Berlin-Neukölln fand. Oder indem er einen syrischen Migranten zu Hause aufnahm und über die Erfahrungen schrieb.

„Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland“, heißt sein neues Buch. Im Herbst 2016 ist er 50 Tage lang vom Darßer Leuchtturm im Norden bis zur Zugspitze im Süden gewandert. Erkunden wollte er das Leben außerhalb der 6,2 Prozent der Landesfläche, die komplett versiegelt ist. Die mehr als 90 Prozent interessierten ihn, die für die medialen, wirtschaftlichen und politischen Eliten immer mehr zur terra incognita werden. Sein Reiseprinzip: Straßen meiden, möglichst keine kommerzielle Infrastruktur nutzen, sich von einem Tag auf den anderen durchschlagen und hoffen, dass es irgendwie klappt. Dabei genau zuhören und beobachten. Er entscheidet sich für Pfefferspray – ohne ihn zu benötigen.

Das Abenteuerliche einer solchen Unternehmung ist unterhaltsam zu lesen. Da sind der Kampf mit dem eigenen Schuhwerk und die wachsende Erkenntnis, wofür ein altmodischer Stock gut ist. Der unaufhörliche Kampf um Nahrung und besonders Wassernachschub bekommt gewaltige Bedeutung.

Amüsant-bedenklich die Begegnung mit eigenen und eingeredeten Ängsten: „Ich wurde gewarnt vor Wölfen, Zecken, Jungbullen, nicht angeleinten Hunden, Betrunkenen, Nazis und vor betrunkenen Nazis. Ich hatte mich gegen Tollwut und Frühsommer-Meningoenzephalitis impfen lassen, zum ersten Mal in meinem Leben im Internet nach freien Waffen gesucht und Schreckschusspistolen, Elektroschocker, Armbrüste, Schlagringe und Stahlkugelschleudern mit Namen wie Baikal, Tactical, Detective und Diabolo gefunden; ein Arsenal der Angst und Aggression.“ (S. 33)

Schon nach ein paar Tagen Outdoor nimmt sich der Wanderer als Stinker war.

Anderes gibt stärker zu denken. Deutlich erlebt Sußebach die „Verkammerung“ der Landschaft durch ein Straßensystem in immer kleinere Lebensräume für die Tiere und ihren damit verbundenen Verkehrstod. Der Querfeldein-Wanderer dagegen trifft auf das Hindernis der landwirtschaftlichen Entwässerungsgräben. Schmerzlich erfährt er zu Fuß den Schwund von alltäglicher Versorgungsstruktur außerhalb der Discountmärkte und Tankstellen. Oder wie das Pendeln die Dörfer tagsüber veröden lässt. Bedenkenswert auch, wie nach seiner Beobachtung Kinder auf dem Land mehr und andere Kompetenzen erwerben, leichter Stolz und Spaß entwickeln als Kinder in der pädagogisierten Stadtwelt.

Besonders anregend finde ich die Reflektionen zur politischen Kultur – angestellt von einem, der sich eher links sieht und sich zugleich „Meinungsschwäche“ (S. 36) attestiert. Deshalb schreibe er als Reporter Geschichten statt besserwisserische Kommentare zu verfassen. Gerade im thematischen Niemandsland des Medieninteresses kommen ihm neue Einsichten.

So unromantisch sich die Wanderung selbst im großen Ganzen entwickelte, so intensiv wurden die Begegnungen auf den Dörfern mit denen, die man die „kleinen Leute“ nennt. Zum Beispiel Günter in Mecklenburg: „Er hätte mich, Vertreter der vermeintlichen Lügenpresse, verachten können, wirkte aber dankbar, dass ihm jemand zuhörte. Ich teilte keine seiner Positionen und sagte ihm das auch, begriff jedoch, wie er in den politischen Schmollwinkel geraten war. Aus der Sicht des Landmenschen Günther war die Demokratie zu einer geschlossenen Veranstaltung von Stadtmenschen geworden, die ihre Positionen ‚alternativlos‘ nannten und Männer wie ihn ‚Pack‘; die sich in allem einig waren, beim Atomausstieg und bei Auslandseinsätzen; sich aber um Anliegen und Ängste der Menschen außerhalb ihrer Wertewelt nicht mehr scherten. Günthers Vorwurf war dieser: Sobald eine politische Entscheidung die Stadt verlässt und sich auf dem Land materialisiert, interessiert das in der Stadt niemanden mehr.“ (S. 55)

Die Energiewende wird zum Beispiel für die unterschiedlichen Erfahrungswelten von Stadt und Land. Die Stadt erscheint Sußebach als der „beste Ort für Selbstbetrug und Selbstgerechtigkeit“. Die Energiewende sei dort „mit der Unterschrift unter einem neuen Stromvertrag geschafft“ (S. 57), die Windräder und die Maisfelder fallen aber den Menschen auf dem Lande zur Last. Er diagnostiziert „urbane Herablassung“ (S. 58), die sich „moralisch, intellektuell, stilistisch“ (S. 57) manifestiert.

„Die meisten Redaktionen sind voller Städter, die fast immer auch Akademiker sind“ (S. 66). Sie hätten wie „Filmregisseure, Professoren, Politiker und viele Talkshowdauergäste“ (S. 66) den Kontakt zu vielen Menschen, besonders jenen auf dem Lande, verloren. Man rede eher mit chinesischen Näherinnen oder nicaraguanischen Kaffeebauern als z.B. einem Schlachter im mecklenburgischen Dobbertin, der die Folgen der Sanktionspolitik zu spüren bekommt. Homosexuelle erführen Solidarität mit der Regenbogenflagge, für alleinerziehende Mütter mit zwei Jobs oder Arbeitslose über 50 gebe es keine Solidaritätslabels.

Den Medien empfiehlt Sußebach nicht nur Hauptstadt- sondern auch „Hinterland-Reporter“. Das würde Einsichten wie solche befördern: „In der Stadt ist Kultur ein Angebot, auf dem Land ist sie eine Leistung. In der Stadt gibt es Infrastruktur, auf dem Land besteht die Infrastruktur aus den Menschen und dem, was sie tun oder unterlassen.“ (S: 79)

Sein Aufruf: die eigene filter bubble zu verlassen, um zu erkennen, dass das „Meinungsspektrum in Hinterland womöglich breiter ist als im eigenen Freundes- und Kollegenkreis“ (S. 179). Ab vom Wege lebten nicht bloß „postfaktisch“ fühlende Menschen, sondern viele würden die Wucht gesellschaftlicher Veränderungen „direkter – faktischer – zu spüren bekommen als andere“ (S. 180).

Die Klage über den schwindenden gesellschaftlichen Zusammenhalt gehört zum Standardrepertoire politischer Rede. Wenn das mehr als eine Worthülse sein soll, gilt es nicht zuletzt, Menschen auf dem Lande mit ihren Erfahrungen, Sorgen und Sichtweisen ernst zu nehmen. Henning Sußebach gibt ein Beispiel, wie respektvoller Stadt-Land-Dialog aussehen kann.

Henning Sußebach: Deutschland ab vom Wege. Eine Reise durch das Hinterland. Rowohlt Verlag 2017, 183 Seiten, gebundene Ausgabe 19.95 € – jetzt auch als Taschenbuch für 9.99 €.

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt berät Stiftungen, ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung.

 

Ein Gedanke zu „Aus der Metropolen-Blase zum unentdeckten Kontinent gleich nebenan

  1. Vielen Dank für den spannenden Artikel, in dem ich das was ich oft denke, auf den Punkt gebracht finde. Ich lebe seit knapp 30 Jahren in Hamburg St. Pauli und seit zwei Jahren auch schon halbwegs in Mecklenburg (momentan noch im Rohbau). Hier in Hamburg ist mir schon manchmal eine gewisse Selbstgerechtigkeit und Belehrungsfreude als auch Arroganz gegenüber Mecklenburg u. a. ostdeutschen Bundesländern begegnet, in den Medien sowieso. Und seinen Höhepunkt fand das Ganze in 2016. Dass der Autor ausgerechnet in dieser Zeit los geht und persönliche Erfahrungen weitab von Klischees beschreibt, freut mich total.
    Weitere wichtige Punkte, die Landschaft und die Tiere, das Aussterben der kleinen Läden und ländlichen Infrastruktur… Das Buch werde ich auf jeden Fall kaufen.

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