Bilder vom Land und Mikropolitik von Dörfern

Von Prof. Dr. Florian Dünckmann

Wir alle kennen diese oder ähnliche Kippfiguren. Entweder zeigt das Bild eine Ente, die nach links schaut, oder einen Hasen, der seinen Kopf nach rechts oben hält. Wir können dabei immer nur das eine oder das andere erkennen. Und wenn unser Bild zwischen Ente und Hasen „kippt“, geschieht dies ausschließlich innerhalb unserer Wahrnehmung; an den objektiven Informationen, die das Bild enthält, ändert sich nichts. Hinter diesem scheinbar trivialen Experiment der Gestaltpsychologie steckt eine tiefe Einsicht in die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt erfahren: Unsere Wahrnehmung ist kein Mechanismus, der objektive Daten ansammelt und dann die Einzelteile nachträglich zu einem Ganzen zusammensetzt. Es ist vielmehr anders herum: Zuerst nehmen wir immer die Gestalt, d.h. das bedeutungsvolle Ganze, wahr. Einzelheiten erkennen wir nur, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf sie lenken und sie damit aus dem bedeutungsvollen Ganzen herauszulösen. Der objektive Blick, der allein Fakten registrieren und sich jeder Bedeutungszuweisung enthalten würde, ist uns nicht automatisch gegeben. Wir können also gar nicht anders, als die Welt mit Sinn zu belegen. Bedeutung steht nicht am Ende unseres Wahrnehmungsprozesses, sondern filtert unsere Sicht der Welt von vorne herein.

Solche Bedeutungsstrukturen, die unsere Wahrnehmung der Welt filtern, sind nicht nur ein Phänomen der individuellen Psychologie. Sie existieren auch auf kollektiver Ebene; dort werden sie als kulturelle Muster bezeichnet. Die Kulturgeographie interessiert sich dafür, wie diese kulturellen Muster unsere Wahrnehmung von bestimmten Räumen oder Orten prägen und damit unser Handeln bestimmen. Ein faszinierendes Untersuchungsobjekt ist dabei das Bild vom Land. Wenn der objektive Ländliche Raum, die Straßen, Dörfer, Felder etc., gewissermaßen die Striche des Bildes darstellen, dann interessiert sich die Kulturgeographie für die Frage, was unterschiedliche Menschen und Gruppen darin erkennen. Ente oder Hase: Ein Ort der Erholung und Ruhe? Ein landwirtschaftlicher Produktionsort? Die abgehängte Peripherie? Die letzte Bastion von Tradition und Stabilität? Und es ist wahrscheinlich, dass dort, wo solch unterschiedliche Sichtweisen des Landes aufeinandertreffen, neue soziale und politische Konstellationen und Prozesse entstehen. Fest steht jedenfalls, dass sich das Bild vom Land in den letzten Jahrzehnten stark verändert hat. Allein die große Zahl von Zeitschriften, die ein idyllisches Bild des Ländlichen Lebens zeichnen, zeigen, dass sich das Land in der gesellschaftlichen Wahrnehmung immer mehr von einem Ort der (landwirtschaftlichen) Produktion zu einem Ort des Konsums wandelt.

Welche Konsequenzen hat nun dieser Strukturwandel und die damit einhergehende Neubewertung des Landes für die soziale und politische Situation in den Dörfern? Dieser Frage widmete sich unser von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt an der Universität Kiel. Im Mittelpunkt standen dabei Dörfer im Umland von Hamburg, Bremen und Hannover, die in den letzten Jahrzehnten vielfach Zielort von Zuwanderung aus den Städten waren. Dahinter stand die Annahme, dass das Aufeinandertreffen verschiedener Sichtweisen von Ländlichkeit gerade dort besonders intensiv ist, wo Menschen auf der Suche nach einer ländlichen Wohnumgebung auf die traditionellen Eliten in den Dörfern treffen. Sichtweisen von Ländlichkeit haben weitreichende politische Implikationen, schreibt sie doch bestimmten Gruppen die Deutungshoheit über das dörfliche Leben zu und legitimiert eine ungleiche Verteilung von Rechten und Pflichten.

Der politische Theoretiker Antonio Gramsci (1891-1937) stellte fest, dass Macht auf zwei verschiedene Prinzipien beruhen kann: auf Zwang oder auf Hegemonie. Hegemonie ist Macht, die dadurch legitimiert ist, dass ein Großteil der Bevölkerung glaubt, dies sei der natürliche und beste Zustand. Politische Auseinandersetzungen drehen sich oft um die hegemoniale Position, also um die Fähigkeit, die eigene Sichtweise zum Konsens werden zu lassen und die eigenen Interessen als die Interessen der gesamten sozialen Gruppe darzustellen. Die Herstellung bzw. der Erhalt von Hegemonie erfolgt dabei nicht nur in offenen Debatten sondern auch in alltäglichen Praktiken. Das Bild des ‚typischen dörflichen Lebens‘ ist somit ein Ausdruck versteckter Machtverhältnisse, die im alltäglichen Leben immer wieder reproduziert werden müssen. Allerdings steht in einer pluralen Gesellschaft eine solche Deutungshoheit niemals endgültig fest noch ist sie gegen alle Widersprüche immun. Vielmehr wird es auch im Alltag konstant Versuche von anderen Gruppen geben, die dominanten Deutungsmuster anzuzweifeln und Gegendeutungen zu entwerfen.

Bei der Übertragung dieses Modells auf die politischen Auseinandersetzungen in Dörfern Norddeutschlands zeigte sich, dass die hegemoniale Position im Dorf vielfach von den alteingesessenen Landwirten beansprucht wird. Sie werden gesehen – bzw. sehen sich – als die ‚echten Dorfbewohner‘, die gewissermaßen ‚heimischer‘ sind als die anderen Einwohner. Ihre Interessen gelten als die Interessen des Dorfes. Diese Hegemonie fußt auf dem herkömmlichen – allerdings schon lange nicht mehr der Realität entsprechenden – Raumbild des Dorfes als einer Gemeinschaft bäuerlicher Haushalte. Demnach befinden sich die Landwirte im innersten Kreis des authentischen Dorfes. Deshalb haben sie auch eher das Recht, für das Dorf zu sprechen als andere. In dieser Sichtweise kann Integration eigentlich nur in eine Richtung gedacht werden: Die ‚weniger echten‘ Dorfbewohner sollten sich in das ‚authentische Dorf‘ integrieren. Die Definition, wie ‚man sich im Dorf verhält‘, liegt dabei bei der alteingesessenen landwirtschaftlichen Bevölkerung. Diese Struktur des Dorfes erscheint dabei als natürlich, d.h. Abweichungen davon gelten als Stadien der schwindenden Authentizität und Degeneration.

Im Rahmen des Forschungsprojektes stellte sich allerdings auch heraus, dass diese Hegemonie der traditionellen Dorfeliten zunehmend in Frage gestellt wird. Vielerorts entstehen soziale Netzwerke, die zunehmend eine neue politische Kraft in den Dörfern darstellen. Mitglieder dieser Netzwerke sind oft aus der Stadt zugezogen und haben nicht selten einen akademischen Hintergrund. Der Ausgangspunkt ihres politischen Engagements liegt häufig in der ökologischen Bewegung. Daneben – und hier zeigen sich die Grenzen der einfachen Vorstellung von einer Spaltung des Dorfes in alteingesessene Landwirte und Neubürger – gehören auch oft lokale, ökologisch wirtschaftende Landwirte zu diesen Netzwerken. Politische Reibungsflächen mit den traditionellen Dorfeliten ergeben sich dabei dadurch, dass das gängige Bild einer Dorfgemeinschaft, bei der die alteingesessenen Landwirte im Zentrum stehen, angezweifelt wird. Allerdings manifestieren sich diese ‚mikropolitischen‘ Prozesse nicht immer in offenen Debatten; oft finden sie im Verborgenen und auf einer informellen Ebene statt. Fest steht jedoch, dass in vielen Dörfern in den letzten Jahrzehnten regelrechte lokale Revolutionen stattgefunden haben.

Im Sinne Gramscis handelt es sich hierbei um eine Gegenhegemonie, eine alternative Möglichkeit, wie Ländlichkeit und Dorfleben gesehen werden kann. Diese neuen Netzwerke fordern die traditionellen lokalen Strukturen an vielen Stellen heraus und werden dementsprechend von den traditionellen Dorfeliten als Bedrohung empfunden. Häufig wird das Bild einer Kolonisation des Dorfes durch ‚Städter‘ heraufbeschworen, die mit ihrem hohem finanziellen und kulturellem Kapital, ihren urbanen Werten und unrealistischen Vorstellungen vom Landleben das Dorf übernehmen. Dadurch würde die angestammte lokale Bevölkerung mehr und mehr an den Rand gedrängt und ‚fremd im eigenen Dorf‘.

Es existieren also zwei unterschiedliche Vorstellungen von der politischen Situation im Dorf. Die eine Seite sieht eine Konfrontation zwischen alt und neu: In der Sicht der neuen Netzwerke sollten die alten, verfestigten Hegemonialstrukturen des Dorfes aufgebrochen und neue Gruppen und Auffassungen von Ländlichkeit in das Dorf integriert werden. Die andere Seite sieht dagegen eine Konfrontation zwischen innen und außen: In der Sicht der ehemaligen Dorfelite werden authentische lokale Strukturen von außen gefährdet und die Hegemonie urbaner Werte zunehmend dem Dorf aufgezwungen.

Dieses Bild einer polarisierten Dorfstruktur ist jedoch nicht die ganze Wahrheit, denn es zeigte sich auch, dass die meisten Dorfbewohner die Hegemonie der traditionellen Dorfeliten kaum anzweifeln. Im Gegenteil, viele Menschen, die auf ihrer Suche nach Ländlichkeit auf das Dorf ziehen, halten gerade die unhinterfragte Selbstverständlichkeit der sozialen und politischen Strukturen für ein zentrales Charakteristikum des ländlichen Lebensstils und empfinden diese idealisierte Beständigkeit dörflicher Strukturen als etwas Besonderes und Bemerkenswertes. Eine solche gewissermaßen anti-politische Perspektive auf das Dorf zeigt, dass hegemoniale Strukturen nicht unbedingt als bedrückend oder negativ wahrgenommen werden müssen; im Gegenteil sie können als Entlastung von der kontinuierlichen Aufforderung zur kritischen Reflexion und politischen Auseinandersetzung empfunden werden. Das Dorf bietet für diese Bewohner gleichsam einen Freiraum vom Politischen.

Interessant ist es nun zu schauen, inwiefern diese Ergebnisse, wie wir sie in unserem Forschungsprojekt festgestellt haben, verallgemeinerbar sind und wieviel davon nur für das sozio-politische ‚Ökosystem‘ westdeutscher Dörfer gelten. Welche Konstellationen gibt es in den Dörfern Mecklenburg-Vorpommerns, wo die Verankerung der alteingesessenen Bauern in den Dörfern eine andere ist? Gibt es dort keine Konflikte, wie sie oben beschrieben werden? Die Arbeit von Julia Rössel über Dörfer der Uckermark legt allerdings nahe, dass wir trotz der großen Unterschiede in der sozio-politischen Geschichte einige Elemente auch dort wiederfinden können: die Gegensätze Alt vs. Neu bzw. Innen vs. Außen, die verschiedenen Sichtweisen vom Dorf und die konstante Bezugnahme auf das ‚authentische Dorf‘. Wie bei einer Kippfigur erkennen allerdings unterschiedliche Menschen etwas Unterschiedliches darin. Jeder Versuch festzulegen, wie ‚ein Dorf funktioniert‘, übersieht dabei die Vielfalt der Vorstellungen vom Dorfleben und die Pluralität der Menschen, die auf dem Land leben. Und auch wenn die mikropolitischen Prozesse im Dorf aufgrund der bestehenden hegemonialen Strukturen eher im Informellen bzw. Verborgenen ausgetragen werden und damit wenig plakativ erscheinen, sind sie dennoch Ausdruck der Tatsache, dass wir uns auch den öffentlichen Raum des Dorfes mit Menschen und deren Ansichten teilen müssen, die wir uns nicht aussuchen können bzw. die uns nicht ausgesucht haben.

Kontakt: duenckmann@geographie.uni-kiel.de

Autor Prof. Dr. Florian Dünckmann ist Professor für Kulturgeographie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und beschäftigt sich mit politischen Prozessen im Ländlichen Raum.

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