Welche Landlust?

Von Dr. Wolf Schmidt

An einem strahlenden Frühlingstag Ende März nutze ich mal wieder die Bahn für eine morgendliche Fahrt vom mecklenburgischen Ventschow ins Ruhrgebiet. Während die Autobahn bestenfalls einen Fernblick auf menschliche Ansiedlungen ermöglicht, fährt die Bahn ihre Haltepunkte mitten in Dörfern und Landstädten an. Der aufmerksame Bahnfahrer erblickt so neben Äckern und Wiesen, Wäldern und Seen ein Kaleidoskop menschlichen Arbeitens und Wohnens – gerade in der unbelaubten Jahreszeit.

An einem Ende des Spektrums stehen markante Herrenhäuser und historische Gutsbauten, die mal saniert, mal dem Verfall preisgegeben erscheinen. Am anderen Ende rangieren nach Art und Alter ganz unterschiedliche Häuser, die Einblicke in Alltagsleben auf dem Land geben. Da laufen Hühner herum, da stehen alte Autos und Gerätschaften in Erwartung einer noch undefinierten Nutzung, da hängt hier und da Wäsche auf der Leine, ist Brennholz zum Verbrauch aufgetürmt und der Garten in irgendeinem Übergangsstadium von Bearbeitung zu erkennen. Die Bahn rückt nicht die Vorgärten in den Blick, sondern die Hof-, Lager- und Werkstattseiten. Das ist nicht für Besuch aufgehübscht, sondern zeigt land- und handwerksverbundenes Leben authentisch. Ich fand, das Bunte – auch mal Unordentliche- dieser Welt des Tätigseins machte Lust aufs Land, zumal im Sonnenschein.

Für die Rückfahrt im abendlichen Dunkel hatte ich mir eine „Landlust“ gekauft. Jene erfolgreichste deutsche Zeitschrift, mit der der Landwirtschaftsverlag in Münster „Spiegel“ und „Focus“ in den Auflagenschatten gestellt hat und die als Trendmarke für den Drang aufs Land gilt. Mich interessierte, wie meine morgendlichen Eindrücke zur medialen „Landlust“ passten. Nicht mehr als eine Momentaufnahme – ohne Konkurrenz zu wissenschaftlichen Analysen etwa von Mareike Egnolff.

Vor mir liegt also die Ausgabe März/April 2017. Das Cover zeigt Blumentöpfe, eine Meise und ein Saftglas zum Heft-Motto „Frühaufsteher“. Artikel zu „Frühling im Vinschgau“, „Bauen unter Denkmalschutz“ und „Ahnenforschung“ werden angekündigt. Die Chefredaktion begrüßt „Liebe Leser“ mit dem schönen Satz: „Als letzten Luxus unserer Tage bezeichnete der Schweizer Landschaftsarchitekt Dieter Kienast den Garten. Denn er fordert das, was in unserer Gesellschaft am kostbarsten geworden ist: Zeit, Zuwendung und Raum.“

Der erste Eindruck beim Blättern: ein Bilderheft, eine „Illustrierte“. Schaut man sich die Bildästhetik genauer an, dominieren Makroaufnahmen, eng gewählte Ausschnitte, das Einzelne anstelle der Totalen. Es geht um Pflanzen und besonders Blumen, Tiere, Essen, Produkte. Postkarten-Ansichten tauchen gelegentlich im Kontext Urlaub und Denkmalschutz auf. Auffällig: Das Heft ist auf der Bildebene weitgehend menschenleer – abgesehen von abgeschnitten Händen, die etwas machen oder halten. Diese Konzentration auf einzelne Objekte schafft einen Eindruck von Sauberkeit, Aufgeräumtheit, Klarheit und Reinheit.

Die Themen entstammen der Ratgeber-Welt. Da finden sich praktische Tipps für die Gartenarbeit, die durchaus fundiert sind. Dekor-Basteleien, z.B. Platzkartenhalter aus Kieselsteinen und Bindedraht, mögen manchen liebevoll-verspielt, anderen albern erscheinen. Eine Reportage führt in eine Berliner Werkstatt, in der man aus einem Bausatz ein Kanu bauen kann. Es geht um Filzen und Stricken, gehäkelte Blüten, filigrane Schalen für Ostereier, einen Grafiker, der Stammbäume auf Pergament verewigt, aber auch ein Gerät zum Kompost-Sieben oder eine Fräse zum Entfernen von Baumstümpfen.

Aufschlussreich ist, was die Landlust nicht behandelt. Obwohl aus einem Landwirtschaftsverlag erwachsen, taucht Landwirtschaft nicht wirklich auf – weder in der Form von Agro-Industrie noch konventionellem Bauernhof oder Biohof. Für die soziale Dimension des Ländlichen ergibt sich komplette Fehlanzeige. Dorfleben, Arbeitspendeln, schulische und ärztliche Versorgung, Politik für den ländlichen Raum, Visionen und Konflikte ländlichen Lebens – sie alle spielen für „Landlust“ keine Rolle. Diese Landlust kommt ohne Gesellschaft aus. Das Individuum ist allein mit seinen Natur- und Dekorfetischen.

„Landlust“ ist ein Schaufenster, das Ländliches und vermeintlich Ländliches proper, nett und chic ausstellt. „Landlust“ ist so schön und so tot wie ein Schaufenster. Bilder vom wirklichen Landleben mit dem Durcheinander der Projekte, Improvisationen und Idyllen vermittelt eher eine Bahnfahrt durch Mecklenburg. Wer echte Landlust erlebt, braucht keine „Landlust“.

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de
Autor Dr. Wolf Schmidt berät Stiftungen, ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung.

www.dr-wolf-schmidt.de

 

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