Wer kommt wann warum?

Neuere und neueste Entwicklungen der innerdeutschen Zuwanderung von West nach Ost in Mecklenburg-Vorpommern

von Johanna Düwel

Mecklenburg-Vorpommern (MV) kann auf eine lange Migrationsgeschichte zurückblicken. Im wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskurs werden die Erfahrungen mit Abwanderung jedoch häufig überbetont. Seit der Wiedervereinigung 1989/90 sank die Einwohnerzahl Mecklenburg-Vorpommerns von 1,92 Mio. auf heute circa 1,61 Mio. Menschen.

Das Narrativ, vor allem der journalistischen Aufarbeitung des Themas, war lange eindeutig: Mecklenburg-Vorpommern ist ein Abwanderungsland. Es wurden Bilder von menschenleeren Dörfern, bröckelnden Putzfassaden und verwaisten Bushaltestellen bemüht. Diese fatalistische Betrachtungsweise deckte sich mit den Prognosen des Statistischen Amtes MV. Noch im Jahr 2012 ging man in der aktualisierten 4. Landesprognose davon aus, dass der Wanderungssaldo bis 2014 negativ bleibt und Wanderungsgewinne ab 2015 das Resultat sinkender Abwanderung sind. Das hat sich so nicht bestätigt. Seit 2013 ist der Wanderungssaldo mit einem Plus von 2.869 Personen positiv. Ein Jahr später hat sich dieser Wert fast verdreifacht. Anders als vermutet, kommt das Plus durch einen Anstieg der Zuzüge bei gleichbleibenden Fortzügen zustande. Getragen werden die Gewinne seit 2014 maßgeblich auch von innerdeutscher Zuwanderung. Weiterführendes Datenmaterial zum Thema beim Statistischen Amt des Landes.

Wie sind diese Entwicklungen zu erklären? Das Phänomen der Gegenstrommigration ist lange bekannt, aber wenig erforscht. Themen der deutschen Binnenmigrationsforschung waren bisher vor allem die Hauptströme, die Ost-West und Nord-Süd-Wanderungsbewegungen. Im Vordergrund der Betrachtung standen vornehmlich ökonomische Erklärungsmuster. So geht man davon aus, dass wirtschaftliche Nachteile, auf Grundlage persönlicher Kosten-Nutzen-Rechnungen, versucht werden auszugleichen. Menschen also aus ökonomisch schwächeren in ökonomisch stärke Regionen wandern. Geeignet ist dieses Modell vor allem für die Erklärung internationaler Wanderungsströme und für Regionen in denen die Disparitäten diesbezüglich besonders stark sind. Für Gegenstrommigration, den umgekehrten, den unter den eben beschriebenen Zusammenhängen widersprüchlichen Weg, bietet es wenig Erklärungskraft. Die gängigen Rational-Choice Theorien greifen für Mecklenburg-Vorpommern also nur bedingt. So liegen die Durchschnittslöhne weit unter dem Bundesdurchschnitt. Mit einer Arbeitslosenquote von 10,3 % belegt MV im Ländervergleich im Februar 2017 den vorletzten Platz.

Zu- und Abwanderung erfolgt zumeist aus und in Grenzregionen. Schlüsselt man die Zuwanderung genauer nach Herkunfts(bundes)land auf, so zeigen sich folgende Ergebnisse für 2014. Innerhalb Deutschlands kommen die Menschen vor allem aus Schleswig-Holstein (+4.240), Brandenburg (+3.408), Niedersachsen (+3.183), Berlin (+3.161), Nordrhein-Westfalen (+2.526) und Hamburg (+2.062) nach MV. Da jedoch gleichzeitig insbesondere in die Nachbarbundesländer abgewandert wird, fällt insgesamt der Wanderungssaldo für Hamburg (-1.225), Niedersachsen (-50) und Schleswig-Holstein (-51) negativ aus. Gegenüber allen neuen Ländern können hingegen Wanderungsgewinne verzeichnet werden. Auch aus den alten Bundesländern, wie Nordrhein-Westfalen (+295 Personen), Hessen (+225 Personen) und Baden-Württemberg (+110 Personen) kommen mehr Menschen nach Mecklenburg-Vorpommern als gehen. International kamen 2014 die meisten Menschen aus dem europäischen Ausland. Insbesondere aus der Europäischen Union wie Polen (+3.157) und Rumänien (+921), aber auch aus nicht EU-Staaten wie der Ukraine (+787) oder der Republik Serbien (+751). Aus Asien waren es in erster Linie Syrer (+1.397), aus Afrika vor allem Menschen aus Ghana (+418) und Eritrea (+268) die nach MV kamen.

Die positive Entwicklung des Wanderungssaldos ist nicht spezifisch für Mecklenburg-Vorpommern, in den übrigen neuen Ländern zeigen sich ähnliche Wanderungsverläufe. Doch, und hier besteht ein interessanter Unterschied, werden die Wanderungsgewinne in MV von allen Landkreisen und nicht nur von den kreisfreien Städten getragen. So haben, anders als die in der jüngsten Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerungsentwicklung (Im Osten auf Wanderschaft. Wie Umzüge die demografische Landkarte zwischen Rügen und Erzgebirge verändern:  als typische Entwicklung beschrieben, nicht die städtischen Leuchttürme Rostock oder Schwerin die größten Nettogewinne zu verbuchen, sondern der Landkreis Rostock und der Landkreis Vorpommern-Rügen. Besonders hoch sind die Wanderungsgewinne bei Frauen wie Männern in der Altersgruppe der 30 bis 65-Jährigen. So ist zu vermuten, dass der Großteil der Zuwanderer Ausbildung oder Studium beendet hat und im Berufsleben steht. Die in diesem Zusammenhang persönlich geführten Interviews mit Rückwanderern bestärken die Annahme, dass die Zuwanderer zumeist gut ausgebildet sind. Für alle interviewten Personen war eine gesicherte berufliche Perspektive im Land ein wichtiger Entscheidungsfaktor. Von der Altersstruktur, aber auch auf Grundlage der Gespräche, ist anzunehmen, dass sich die Wanderer häufig in der Phase der Familiengründung befinden oder sich als Familie mit Kindern für den Umzug entscheiden. Diese Beobachtung bestätigte sich auch im Experteninterview. So beschrieb Christina Kralisch von der Agentur mv4you zahlreiche Messegespräche mit Eltern die nicht nur für sich, sondern auch für ihre Kinder nach einem ruhigen und verlässlichen schulischen wie sozialen Umfeld suchen. Interessanterweise befinden sich die Zuwanderer somit nicht in der typischen Mobilitätsphase.

Wanderungsmotive sind eng mit den Lebensphasen der Zuwanderer verknüpft. Für Mecklenburg-Vorpommern erscheinen vor allem fünf der von Ralf Mai 2004 ausgemachten Wanderungstypen entscheidend zu sein.

Die erfolgreichen Zuwanderer
Sie sind gut ausgebildet, haben national und international berufliche Erfahrungen gesammelt und können es sich entweder leisten in Mecklenburg-Vorpommern Einkommenseinbußen in Kauf zu nehmen oder erhalten auf Grund ihres erfolgreichen Lebenslaufs die ihrem Anforderungsprofil entsprechenden, attraktiven Jobs. Sie bringen häufig nicht nur Wissen und Investitionskapital, sondern auch Netzwerke und Ansprüche sowie Konsumnachfrage im gehobenen Preissegment mit.

Alterszuwanderung
Sie wollen nach dem Ausstieg aus dem Berufsleben ihren Lebensabend in einer landschaftlich und kulturell ansprechenden Region verbringen. Dafür sind sie häufig bereit noch einmal zum Beispiel für Wohnraum und Ausstattung zu investieren. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass diejenigen die den Schritt eines Umzugs im höheren und für gewöhnlich weniger mobilen Alter wagen, noch besonders aktiv sind. Es ist zu vermuten, dass hier eine positive Selektion stattfindet und auch Zuwanderer höheren Alters einen wichtigen Beitrag zum kulturellen und zivilgesellschaftlichen Leben beitragen können und wollen.

Ausbildungswanderer
Mecklenburg-Vorpommern ist mit zwei Volluniversitäten, einer Hochschule für Musik und Theater, drei Fachhochschulen und zwei Verwaltungsfachschulen ein gut aufgestellter Bildungsstandort. In Rostock und Greifswald, den beiden Universitätsstandorten, studieren insgesamt knapp 25.000 Menschen. Attraktiv ist nicht nur das gute Ausbildungsniveau, sondern auch die im Vergleich zu anderen Studienstandorten geringeren Lebenshaltungskosten und Semestergebühren.

Heimatverbundenen oder emotionale Zuwanderer
Sie sind vor allem auf Seiten der Rückkehrer zu finden. Nach einer Zeit der Abwesenheit wächst bei ihnen der Wunsch nach vertrauten Strukturen, der Landschaft, Freunden und Familie. Häufig schwirrt der Gedanke eines Tages zurückzukehren lange in den Köpfen potentieller Rückwanderer herum. Sie beobachten, wenn auch aus der Ferne, die wirtschaftliche wie gesellschaftliche Entwicklung der Heimatregion genau. Abgewartet wird ein für sie biografisch passendes Zeitfenster, in dem die persönliche Kosten-Nutzen Rechnung besonders positiv ausfällt. Für Menschen ohne bisherige Verbindungen nach MV können diese Motive ebenso, wenn auch abstrakter, gelten. In den Gesprächen zeigte sich, dass Mecklenburg-Vorpommern vor allem durch die Leere und landschaftliche Attraktivität ein Sehnsuchtsort ist.

Beziehungswanderer
Sie machen die Entscheidung nach Mecklenburg-Vorpommern zu ziehen von ihrem Partner abhängig, begleiten oder folgen ihm. Ihr Entscheidungsprozess ist daher stark fremdbestimmt oder zumindest auf eine andere Person ausgerichtet. Hier gilt es als besonders wichtig auch ihnen berufliche, kulturelle und soziale Angebote zu bieten um ihre Integration zu erleichtern.

Diese Bedürfnisse und Motivlagen zusammenfassend, scheint das Ideal ein attraktives, familienfreundliches Umfeld, welches den Anforderungen eines flexiblen, globalen Arbeitsmarktes gewachsen ist und den individuellen Wünschen nach Heimat und Geborgenheit entgegenkommt, zu sein.

Dennoch, in Mecklenburg-Vorpommern sterben immer noch mehr Menschen als geboren werden. Auch steigende Zuzüge können dieses Defizit in nächster Zeit voraussichtlich nicht ausgleichen. Die Bevölkerungszahl wird demnach weiter sinken, was den Menschen selbst, ob zugezogen, oder schon immer hier im Land beheimatet, zu einem immer wichtigeren Faktor der Regionalentwicklung macht. Sie sind es, die Veränderungen gestalten und mit ihrer Qualifikation und Innovationskraft problematische Entwicklungen abfedern können. Da innerdeutsche Wanderung jedoch nur bedingt gesteuert werden kann, ist es wichtig die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, die Attraktivität zu steigern und die Hürden für Zuwanderung so gering wie möglich zu gestalten. Offenheit wird der entscheidende Gradmesser für die Attraktivität und den nachhaltigen Bestand von Städten, Gemeinden und Regionen sein. Damit ist natürlich auch die Offenheit gegenüber fremden Kulturen und Ethnien gemeint, aber nicht nur. Auch die generelle Offenheit gegenüber anderen Lebensentwürfen mit flexiblen Arbeits-, Wohn- und Betreuungsmodellen für Kinder und auch Senioren.

Kontakt: johanna.duewel@uni-rostock.de

Autorin Johanna Düwel, M.A., ist Doktorandin am Institut für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock mit dem Arbeitsschwerpunkt rural area studies und Ostseeraum.

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