Tohus im ländlichen MV?

Heimat-Maskerade (Grevesmühlener beim Trachtenfest 2019) – Foto: Anna-Konstanze Schröder

Über Heimat reden ist gar nicht so leicht. Muss man sich als erstes abgrenzen? Gegen Blut und Boden und Globalisierungswahn, gegen verlogene Romantik und soziale Kälte, gegen Heimatministerium und Metropolenkult? Und müsste man nicht erstmal Heimat definieren?

Über Heimat singen geht leichter. „Ich bin wieder hier, in meinem Revier, war nie wirklich weg, ich rieche den Dreck, ich atme tief ein und dann bin ich mir ganz sicher, wieder zu Hause zu sein“, singt Marius Müller-Westernhagen. „Das ist meine Stadt und ich gehör zu ihr“, bekennt Campino von den Toten Hosen genauso wie Herbert Grönemeyer in „Bochum, ich komme aus dir“. In der neuen MV-Hymne heißt es „Du büst min Tohus, de Platz, wo ick lev‘.

Die Gefühle, die der „Platz, wo ick lev“ mobilisiert, sind allerdings sehr unterschiedlich – gerade bei uns in MV.

Heimat und Zuwanderung

Traditionell eher Auswanderungs- als Einwanderungsland haben wir heute zusammen mit Brandenburg den niedrigsten Ausländeranteil unter allen Bundesländern. Wer in Hamburg aus dem Hauptbahnhof kommt, gerät mitten hinein in ein großes Mosaik aus Diaspora-Heimaten von Menschen aus aller Welt mit ihren Läden, Gebetshäusern, Restaurants. Das Nebeneinander unterstreicht und relativiert die Heimatunterschiede. Diese Erfahrung mit der Heimat der Anderen lässt sich bei uns in MV – jedenfalls in der ländlichen Fläche abseits der Küste – kaum machen.

Also alles klar mit „min Tohus“ in MV? Keineswegs, wie ein Blick in die Statistik zeigt.

1990 hatte MV rund 1,9 Millionen Einwohner. Seitdem haben mehr als eine Million mal Menschen diesem Land ade gesagt und ihr Glück woanders gesucht. Gleichzeitig haben sich 960.000 Zugewanderte hier neu angemeldet – dabei sind Zweitwohnsitze noch gar nicht berücksichtigt. So verdanken wir den meist deutschen Binnenmigranten, dass es heute über 1,6 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner in MV gibt.

Die meisten der Zugewanderten werden sich kritisch mit dem Gedanken auseinandergesetzt haben, ein Tohus in MV zu nehmen. Man gerät kaum zufällig auf der Suche etwa nach einem guten Job in unser Land, hat es doch den Ruf eines Armenhauses, wenn auch eines landschaftsschönen.

Von Kindheit an tohus

Wie stellt sich das für die Einheimischen dar? Die, die hier geboren oder zumindest aufgewachsen sind und die damit unzweifelhaft hier beheimatet sind? Ein Großteil von ihnen bzw. ihren Eltern oder Großeltern ist nicht, wie manches Klischee suggeriert, jahrhundertelang hier verwurzelt, sondern im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs nach MV gekommen – bettelarm um das tägliche Überleben kämpfend. Sie sind durch die Irrungen und Wendungen des „Sozialismus auf dem Lande“ gegangen und haben sich damit mal so mal so eingerichtet.

1989 kommt die friedliche Revolution und die Umwälzung aller Lebensverhältnisse. Die gewohnte Heimat – das Dorf, das oft mehr oder weniger identisch mit einer LPG war – verschwindet in Wochen. Wo in MV 1990 noch 195.000 Menschen landwirtschaftlich tätig waren, werden in wenigen Monaten 120.000 „freigesetzt“. Die Wende verteilt die Karten unter allen Menschen auf dem Lande neu, die einen sind schnell weg, etliche bekommen nie wieder einen Normalarbeitsplatz, manche machen auch ihr Glück in der Heimat. Am Ende haben die meisten Dagebliebenen irgendwie ein Auskommen unter den neuen Verhältnissen gefunden.

Wenn schon die bloße gemeinsame Kindheit und Jugend, erste Liebe und Berufserfahrung ein Gefühl der Zugehörigkeit, also von Heimat, erzeugt, dann erst recht die existenzielle Erschütterung der Wendejahre.

Lebenseinstellungen und politische Überzeugungen, welche die Einheimischen daraus mitgenommen haben, variieren. Meist haben die ambivalenten Erfahrungen mit dem historischen Bruch eher einen Rückzug ins Private befördert.

Heimat aus dem Exil

Ein ganz anderer Heimatanspruch tritt auch gleich nach 1989 auf den Plan: die zurückkehrenden Exilanten auf der Suche nach den elterlichen Ländereien, Häusern und Erinnerungsorten. Quantitativ ist das eine kleine Minderheit, aber sie hat ein enormes symbolisches Gewicht. Da gab es sicher auch die mit dem Dollarzeichen im Auge. Aber wichtig für dieses Land wurden jene, die Heimatgefühl zwar nicht durch Eigenerfahrung vor Ort aber durch die Familienerzählung gewonnen hatten.

Als jemand, der in seiner Wuppertaler Jugend im Elternhaus täglich das Hohelied auf Mecklenburg hören musste (und hassen lernte), ist mir die emotionale Dimension des Wiederfindens von Heimat gut vertraut.

Gerade auf dem Lande finden wir überall die Nachfahren von altem Adel und bürgerlichen Gutsbesitzern. Zugewanderte, denen ihr Exil häufig erst mit der Maueröffnung wieder voll zu Bewusstsein kam und die großes Engagement mitbrachten. Nicht selten gepaart mit einem melancholischen Gefühl, das wahre Mecklenburg oder Vorpommern zu verkörpern.

In Verbindung mit der Weltläufigkeit des Wessis verstärkte diese fremde Heimatgruppe bei vielen Einheimischen eher Ängste, wieder einmal untergebuttert zu werden.

Die Heimat aus der Zukunft

Der Luxus der Leere im Hinterland (nicht an der Küste!) nach der Zerschlagung der sozialistischen Betriebe und der Massenabwanderung brachte eine dritte Gruppe ins Spiel: Angezogen von diesem naturwilden, dünn besiedelten, durchgeschüttelten und irgendwie anarchischen Land im Nordosten entwickelte sich ein goEast. Heraus aus den allzu fest gefügten Verhältnissen, wo die Claims längst abgesteckt waren, ein ganz neues Leben wagen. Nur zum Teil kam sie aus dem Westen, nicht wenige waren auch der Ost-Urbanität überdrüssig und folgten der DDR-Sehnsucht Richtung Küste – einige sogar schon vor 1989. Ihr Heimat-Verständnis ist nicht das konservative der Herkunft, sondern in Anlehnung an Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ die Heimat aus der Zukunft, die utopische Heimat, die erst zu schaffen ist.

Ob sie sich nun Raumpioniere, Neulandgewinner oder einfach Zugezogene nennen: sie kommen mit Gestaltungsideen für das eigene und das Gemeinschaftsleben, mit Umwelt- und Kultur-Engagement, mit Vorstellungen von Werten und Solidarität ins Dorf. Und – gemischt mit manchen Illusionen – kommen sie auch nicht selten im Bewusstsein, überlegene Konzepte für irgendwie bedauernswerte Verhältnisse mitzubringen. Das kann für die Anderen anstrengend werden.

Diese Neubürgerinnen und Neubürger verfügen wie die Exilanten meist über mehr Bildung und größere finanzielle Ressourcen als die Einheimischen. Als Menschen mit Blick von draußen erkennen sie Probleme, aber vor allem auch Chancen und Potentiale, die einheimischer Betriebsblindheit verborgen bleiben. Und weil sie gerade nicht über die gewachsenen Beziehungen der Einheimischen verfügen, entfalten sie vielfältiges Engagement außerhalb des ganz privaten Tohus, was ihren Einfluss und ihre Ambitionen noch stärkt.

Die Heimat der Jungen

Die Heimatgefühle der Alteingesessenen, der Exilanten und der Raumpioniere sind vielfach durch die Zeit vor 1989 und die Wessi-Ossi-Konstellationen geprägt. Wie ist das bei deren Kindern, die am Ort aufgewachsen sind, gemeinsam die Schule besucht, erste Liebes- und Berufserfahrung gemacht haben? Ist Heimat für sie eine orientierende Kategorie?

Nicht wenige verlassen den Ort ihrer Kindheit nach der Schule, um außerhalb des Landes Studium, Ausbildung oder Job aufzunehmen. Das ist nicht zu beklagen. Auffällig ist, dass gerade Jüngere sich auch stark nach ihrer Heimat sehnen, wenn sie Metropolenleben kennengelernt haben. Nicht wenige kommen zurück und bringen neue Impulse mit. Das gibt Hoffnung. Gleichzeitig entstehen neue Ost-West und Stadt-Land-Spaltungen im Zuge der aktuellen politischen Bewegungen. Ein offener Prozess.

Heimaten versöhnen

In größeren Städten gehen solche unterschiedlichen Heimat-Vorstellungen im allgemeinen Rauschen unter. Auf dem Lande haben sie Namen und Adresse. Ob daraus Konflikte oder Synergien entstehen, liegt natürlich auch am jeweiligen Auftritt der Einzelnen. Aber das Thema bloß zu individualisieren, übersieht die gerade auch politisch in Erscheinung tretende kollektive Komponente.

Wie kann das Mit- und Nebeneinander dieser unterschiedlichen Lebens- und Emotionskreise gelingen?

Alle genannten Heimat-Zugänge sind authentisch und legitim. Ein Kampf um den „richtigen“ ist von niemandem zu gewinnen. Alle vier Gruppen gehören zu dem, was ich Neue Ländlichkeit in MV nenne: die Alteingessenen als Kompetenzträger ländlichen Lebens, die Rückkehrer aus dem Exil als Brücke in die Landesgeschichte, die Neuländlichen als Innovatoren und Kommunikatoren für ein postagrarisches Landleben, die Jugend mit einer sich noch herausbildenden Vision und Rolle.

Dabei gibt es gemeinsame Interessen zum Beispiel zu Mobilität, Internet, Schul- und Gesundheitsversorgung, die gilt es stark zu machen. Und Interessenkonflikte etwa bei Windenergie oder Landwirtschaft sollten möglichst nicht fundamentalistisch aufgeladen werden. Schwierig wird es, wenn die gesamtgesellschaftliche Krise das Dorf erreicht. Wird Heimat erstmal gebrüllt, dann ist etwas schrecklich schiefgelaufen. Das war dramatisch bei der sogenannten Flüchtlingskrise der Fall.

„Versöhnen statt spalten“ lautete das Motto von Bundespräsident Rau. Versöhnen setzt die respektvolle Anerkennung von Differenz voraus. Dafür müssen wir im Gespräch bleiben.

 

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung. Autor von „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“

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