Résumé der Gutsanlagentagung 2019

Besichtigung Alt Sührkow – Foto: Annika Kiehn

 

 

 

Mecklenburg-Vorpommern ist, was die meisten nicht vermuten, ein Burgenland. Etwa 650 Rittersitze überzogen einst im Mittelalter das Gebiet zwischen der Elbe im Westen und der Oder im Osten. Sie waren die Vorläufer der Herrenhäuser und Schlösser, die Schritt für Schritt mit der Ausdehnung der Gutswirtschaft in großer Zahl entstanden, als aus einem Land mit dörflicher Siedlung, Feld und Wald ein Land der Gutshöfe mit Großblockfluren wurde. Die adligen, später auch die bürgerlichen Eigentümer ließen – zum Teil noch auf den Grundmauern der Turmhügelburgen, vornehmlich aber in unmittelbarer Nachbarschaft dazu – ihre Herrensitze mit den zahlreichen Wirtschaftsgebäuden errichten. Allein in Mecklenburg und Vorpommern gab es ehemals rund 3000 Gutshöfe und -häuser, von denen gegen Ende des 20. Jahrhunderts noch 2192 existierten – in welchem Zustand auch immer.

Schatz von europäischem Rang

Die Gutsanlagen, insbesondere der „strahlende Stern“, das Herrenhaus bzw. das Schloss, sind ein Symbol, mehr noch, sie sind ein Alleinstellungsmerkmal unseres Bundeslandes, ein geschichtskultureller Schatz von europäischem Rang, der jedoch erst einmal gehoben werden muss, will man ihn wirklich besitzen. Dazu dient neben dem Erhalt, der Pflege und der Nutzung der baulichen und dendrologischen Kostbarkeiten und Fragmente die individuelle wie die kollektive Erinnerung an die Gutsherrschaft, die sich über weite Teile Mecklenburgs und Vorpommerns erstreckte. Geschichtliche Erzählungen über ihre Licht- und Schattenseiten könnten den Menschen in der Gegenwart helfen, sich in einem Ort, in dem die neue Dorfmitte von einem restaurierten „Schloss“ geprägt wird, heimisch zu fühlen, mehr noch, eine Heimat zu finden.

Die Europäische Akademie Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Waren an der Müritz sieht eine ihrer Aufgaben darin, dieses historische Erbe und die darin wurzelnden geschichtskulturellen Traditionen zu wahren und unter die „Leute“ zu bringen. Gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Gutsanlagen veranstaltet sie deshalb jährlich ein dreitägiges Seminar mit integrierter Fachexkursion, das dem Generalthema verpflichtet ist:
Gutsanlagen, Herrenhäuser, Schlösser und Parks: Denkmale in der Geschichts- und Kulturlandschaft Mecklenburg-Vorpommern.

Geschichte der Sinne und Gefühle

Auf den Tagungen 2018 und 2019 konzentrierten die Veranstalter ihre Erinnerungsarbeit auf einen Aspekt, der von der klassischen und etablierten Geschichtswissenschaft – auch von den Regional- und Landeshistorikern – lange Zeit gar nicht und dann nur randständig beachtet wurde. Es handelt sich um die Sinne und Gefühle im Prozess historischer Erinnerung. Als Teil des immateriellen Kulturerbes verfügen sie jedoch über einen hohen Quellenwert.

Die Vorträge und Diskussionen auf beiden Seminaren erbrachten den klaren Nachweis, dass es im Hochmittelalter ohne Sinnlichkeit, ohne Gefühle, Emotionen und Affekte in der geografischen Region, die einst Ostelbien genannt wurde, weder eine Besiedlung des Landes und die Entstehung des Standes der freien Bauern gegeben hätte noch das Bauernlegen sowie die Entwicklung und volle Entfaltung des Großgrundbesitzes im 17. und 18. Jahrhundert mit Gutsbesitzern und Herrenhäusern in großer Zahl sowie den Massen erbuntertäniger Bauern und Tagelöhner mit ihren jämmerlichen Katen. Folglich war es längst überfällig, auch auf unserer Tagung die Sinneswahrnehmungen und Gefühle zu thematisieren und in den Mittelpunkt der Betrachtung zu stellen, um damit wenigstens ansatzweise zu zeigen, welche Rolle sie einerseits im realhistorischen Geschehen spielten und welche Bedeutung ihnen andererseits zukommt, wenn wir die Erbuntertänigkeit in unserem Lande in der Gegenwart rekonstruieren.

2019 Architektur im Fokus

Im Fokus der Gutsanlagentagung 2019 stand – nachdrücklich befördert durch das Europäische Kulturerbejahr – die Architektur der Herrenhäuser und Schlösser. Die Referenten, der Historiker und Publizist Dr. Wolf Karge und der Architekt Ludger Sunder-Plassmann, erläuterten an zahlreichen, sehr gut ausgewählten und visualisierten Beispielen die verschiedenen Bau- und Architekturstile, an denen sich geniale Baumeister orientierten und deren Pläne viele namenlose Bauhandwerker verwirklichten. Ihre bildhaften Ausführungen ermöglichten es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern das Einzelne in der großen Vielfalt zu erkennen, sodass sie zukünftig bei individuellen Landpartien und Architekturreisen durch Mecklenburg-Vorpommern sicher zwischen den Adelssitzen im Stile des (Fachwerk-)Barocks oder des Klassizismus, der Tudorgotik oder dem Jugendstil sowie den verschiedenen Spielarten des Historismus von der Neoromantik und Neogotik über die Neorenaissance und den Neobarock bis hin zum Neoklassizismus zu unterscheiden wissen und in der steingefassten Formensprache erkennen, ob es sich zum Beispiel um einen Bau von Carl Theodor Severin oder Johann Joachim Busch, von Georg Daniel oder Friedrich Hitzig, von Ludwig Möckel, Paul Schulze-Naumburg oder Paul Korff, von Friedrich August Stüler, Friedrich Wilhelm Buttel oder Georg Adolf Demmler handelt.

Französische Einflüsse

Im 19. Jahrhundert bescherte der Historismus nicht nur vielfältige Rückgriffe auf frühere Phasen der Architekturgeschichte, sondern auch spürbare Einflüsse aus anderen Ländern, vor allem aus Frankreich. Sie werden deutlich sichtbar am Residenzschloss Schwerin, dem „Neuschwanstein des Nordens“, das von vier bedeutenden Architekten in der Mitte des 19. Jahrhunderts aus- und umgebaut wurde. Frau Dr. Bettina Gräfin de Cosnac, eine bekannte Fernsehautorin, Journalistin und Schriftstellerin aus Paris wies in einem vergleichenden, ästhetisch sehr ansprechenden Vortrag nach, dass für den Um- und Ausbau Mitte des 19. Jahrhunderts, mehrere französische Renaissanceschlösser als Vorbild dienten, vor allem aber das Königsschloss Chambord an der Loire. Der Titel ihres Vortrags war Programm – Schloss Chambord und Schloss Schwerin: Schöne Verwandte – Une belle famille –, das sie zur vollen Zufriedenheit der Zuhörer realisierte.

Träume verwirklichen

Am zweiten Tag des Seminars erfuhren dann die Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus dem Munde der neuen Eigentümer, der „Schlossherren“ von Hohenlandin (Tudorgotik), Saatel (Klassizismus), Üselitz (Renaissance) und Broock (Castle Gothic), was sie in der jüngsten Vergangenheit unternommen haben bzw. aktuell unternehmen, um die von ihnen als Ruine erworbene Immobilie stilgerecht wieder herzurichten. In mitreißenden Beiträgen berichteten sie über ihre Traumverwirklichung unter den strengen Augen des Denkmalschutzes (Saatel), ihren aufopferungsvollen Kampf mit Behörden und Handwerkern, damit die verfallenen Herrenhäuser wieder auferstehen (Hohenlandin) und in neuem Glanz als „Weißer Schwan“ (Üselitz) erstrahlen und zu einem neuen Zentrum für Kultur und Entspannung sowie zu einem Tourismusmagnet (Broock) werden.

An Ort und Stelle

Eine Fachexkursion, am dritten Tag, ausgezeichnet vorbereitetet und geleitet vom ehemaligen Akademieleiter Andreas Handy, schloss die „theoretische“ Baustilkunde in den Seminaren mit Führungen in der Praxis ab. Sie untermauerte an Ort und Stelle am Beispiel der „auferstandenen“ Herrenhäuser Kummerow (Barock), Alt Sührkow (Klassizismus), Lelkendorf (Tudorgotik) und Belitz (Jugendstil), was es bedeutet, durch die Sanierung eines Gutshauses eine neue Dorfmitte zu schaffen. Mit großer Sachkenntnis präsentierten die neuen „Schlossherren“ bzw. ihre Verwalter die Baugeschichte des Hauses und berichteten mit einem Anflug von Stolz über seine gegenwärtige Nutzung. Es gab „in jedem Haus etwas anderes Gutes“, wie die Müritz-Zeitung vom 9. Mai 2019 titelte.

Alltagskultur

Ergänzt wurde die Baustilkunde durch interessant vorgetragene Betrachtungen zur Kleidermode des Gesindes im Herrenhaus und auf dem Gutshof sowie durch Darlegungen zur Kunst des Heilens auf mecklenburgischen und vorpommerschen Rittergütern durch Handauflegen und „Bepüstern“ sowie durch Volksheilkunde und Schulmedizin. Henry Gawlick, Leiter des Museums für Alltagskultur der Griesen Gegend, einem Landstrich im Südwesten Mecklenburgs, schilderte anschaulich, wie sich nach und nach die Tracht der Dienstmädchen auf den Rittergütern veränderte und im Dritten Reich zum modischen Vorläufer der ideologisch funktionalisierten Kleidung der NS-Frauenschaft wurde. Sandra Lembke, Dozentin und Autorin mehrerer Bücher über Vertreter des Hochadels, die als Gäste am Mecklenburg-Strelitzer Hof weilten, sowie zur Alltags- und Kulturgeschichte im Großherzogtum Mecklenburg-Strelitz, überreichte sinnbildlich den Zuhörern einen „bunten Blumenstrauß“ mit ihren akzentuierten, zum Teil zugespitzten Ausführungen zum Thema: Volksmedizin und Aberglaube kontra Schulmedizin: Heilung von Mensch und Tier auf mecklenburgischen und pommerschen Rittergütern.

Bodenreform

Ausführungen zur Aufsiedlung von Rittergütern vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges sowie im Zuge der Bodenreform nach dem Zweiten Weltkrieg in Mecklenburg-Vorpommern schlossen thematisch den diesjährigen Reigen ab. Zur „inneren Kolonisation“ äußerte sich in bewährter Weise Frau Dr. Angelika Halama, historische Geografin aus Buxtehude, die bislang jährlich die Tagung mit einem profunden Vortrag bereichert. Das bis in die heutige Zeit zwiespältige und gerade deshalb auch schwierige Thema „Bodenreform“ übernahm der Archivar und Historiker Prof. Dr. Siegfried Kuntsche, der von 1979 bis 1989 an der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften der DDR tätig war und zahlreiche Veröffentlichungen zur Bodenreform publizierte.

„Kinderschloss“

Abgerundet wurde das Seminar durch einen lebhaft vorgetragenen Erfahrungsbericht über die Nutzung eines Herrenhauses als „Kinderschloss“. Der Gebrauch der Herrenhäuser zu touristischen Zwecken, als Wellness- und Tagungshotel oder Künstlerdomizil ist an der Tagesordnung. Die Verwendung als Kindertagesstätte, wie im Gutshaus Ziesendorf bei Rostock, kommt eher seltener vor. Die Leiterin, Frau Marit Reck, stellte engagiert die eigenwillige Lösung vor und erntete für das Projekt wie die lebhafte Darstellung Anerkennung und Applaus. Alle waren davon überzeugt, im Kinderschloss Ziesendorf wird hinter den Mauern eines Gutshauses Fröbels Ruf auf wunderbare Weise verwirklicht: „Kommt, lasst uns unsern Kindern leben!“

Geschichte ist völlig ungeeignet als Mittel zur Gestaltung von Politik – auch auf der Landesebene. Aber Impulse können schon von ihr ausgehen und die politischen Entscheidungsträger zu einem Nachdenken anregen über die Wahrung des historischen Erbes in Gestalt der Gutsstandorte. Dass die Politiker der im Landtag vertretenen Parteien – von einer Ausnahme abgesehen – nicht bereit waren, sich im Rahmen einer Podiumsdiskussion, mit der der erste Veranstaltungstag abgeschlossen werden sollte, den kritischen Fragen zu stellen, ist ein Signal für viel mehr als nur ein mangelndes Problembewusstsein.

 

Kontakt: gkostler@t-online.de

Autor Günter Kosche, geb. 1940, Dr. phil., Oberstudienrat i. R., Didaktik der Gesch. an der Universität Rostock bis 2006, Veröffentlichungen zur Geschichtsdidaktik, mecklenburgischen Landesgeschichte und Sportgeschichte Rostocks, freier Mitarbeiter der Europäischen Akademie MV, seit 2012 wissenschaftliche Vorbereitung und Moderation der Gutsanlagentagungen.

 

 

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