Lange Linien des Landlebens

 

 

 

 

“Das Landleben in einem völlig neuen Licht” – “quer zu den üblichen Sichtweisen” – erscheinen zu lassen, das verspricht der Klappentext. Welchen Gewinn können Landbewohner und -Interessierte beiderlei Geschlechts aus Werner Bätzings Buch “Das Landleben”* ziehen? “Geschichte und Zukunft einer gefährdeten Lebensform” verhandelt er laut Untertitel.

Bätzing ist emeritierter Professor für Kulturgeographie und hat sich besonders als Alpenforscher einen Namen gemacht, der auch vor öffentlichem Engagement mit Streitschriften nicht zurückschreckt. Mut braucht tatsächlich, wer auf 255 Textseiten den Bogen von der Entstehung der Landwirtschaft in der Zeit zwischen 10.000 und 5000 v. Chr. über Vorderasien, China und Mexiko bis hin zu aktuellen Fragen der Demographie, Migration oder Ökologie spannt.

Die lebensweltliche und mentale Differenz zwischen Stadt und Land findet Bätzing bereits in den frühen vorchristlichen Hochkulturen. Die Stadt steht für “Arbeitsteilungen, Spezialisierungen und Ausdifferenzierungen… für Reichtum, Glanz und Großartigkeit, aber auch für totale Macht, Herrschaft und Unterdrückung… für Überheblichkeit und Arroganz und für eine große Naturferne” (S.66).

Auf dem Land dagegen findet man “Selbstversorgung ohne Arbeitsteilungen und Spezialisierungen”. Ländliches Wirtschaften vollzieht sich in überschaubaren Größenordnungen, generationenübergreifend, selbstgenügsam, egalitär und naturnah.

Die Stadt ignoriert, dass Landwirtschaft in dezentralen Dörfern ihre Existenzvoraussetzung ist und sieht sich in der Position des Fortschritts gegenüber ländlicher Rückständigkeit. Dem Land schreibt Bätzing dagegen das “Wissen um die Notwendigkeit der ökologischen Reproduktion der Kulturlandschaft” zu (S.67).

Bauerngesellschaften schaffen “nicht-natürliche Ökosysteme” (S.41), die instabil sind und mit viel Arbeit z.B. vor Verlust der Bodenfruchtbarkeit, Erosion, Versalzung, Versauerung sowie Verbuschung und Verwaldung bewahrt werden müssen. Sie erkennen Nutzungsgrenzen von weniger geeigneten Flächen, bevorzugen kleinräumige Nutzungen, die stabiler sind und entwickeln Strategien der Bodenverbesserung z.B. durch Fruchtfolge und Versorgung mit tierischem Dünger. Zum “richtigen Maß der Nutzung” (S.41) gehören quantitative Aspekte (Dichte der Bepflanzung, Zahl der Weidetiere) ebenso wie Nutzungsdauer und Rhythmen (Aussaat, Ernte und so weiter). Das alles ist mit andauernden Reparatur- und Pflegearbeiten verbunden. Im Unterschied zur heutigen kapitalintensiven Bewirtschaftung ist eine rein arbeitsintensive für Kulturlandschaften nur förderlich.

Bauerngesellschaften müssen auf die Kultivierungsleistungen früherer Generationen aufbauen und für künftige vorsorgen. Sie müssen Bevölkerung regulieren, um Köpfe und Boden im Gleichgewicht zu halten. Sie sind gemeinschaftsorientiert, wobei “der Erhalt des Hauses, des Hofes oder des Dorfes über den Interessen des Einzelnen steht, denn ohne diese Struktur wäre der Einzelne … nicht überlebensfähig (S.45). Sie verfügen neben dem eigenen Land über Allmende-Flächen als Gemeinschaftseigentum mit festen Nutzungsregeln. Nicht zuletzt haben sie Vorsicht im Umgang mit Natur gelernt, weil sich schon kleine Veränderungen katastrophal für sie auswirken können. So ergibt sich eine “konservative Grundhaltung in Bezug auf die Natur und die Welt” (S.44).

Diese Wesensmerkmale sieht Bätzing global und über Jahrtausende ausgeprägt – bis zum Einbruch des Kapitalismus in die Landwirtschaft. Die industrielle Revolution seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts bedeutet das “Ende der Fläche” (S.95). Bis dahin galt das “solare Zeitalter” (S.97): Nicht nur Nahrungsmittel, auch Energie und handwerkliche Rohstoffe waren auf Fläche und Sonne angewiesen. Nun kam das fossile Zeitalter mit einer neuen Raumstruktur bei Konzentration auf fossile Energievorkommen und Erreichbarkeit durch maschinenbetriebenen Transport.

Die neue bürgerliche Rechtsordnung zerstörte die Grundherrschaft, die Dorfgenossenschaft und die Allmende. Der Bauer wird zum Unternehmer, der in Konkurs gehen kann. Die Verbindung von Kapital und fossiler Energie hebt zwar die Produktivität (allerdings nicht die energetische), entwertet aber auch den Faktor Arbeit. Nicht zuletzt Justus von Liebigs Erfindung des Mineraldüngers machte es möglich, mit Kapitaleinsatz schlechte Bodenqualität auszugleichen. Die Transportrevolution setzt den Bauern schließlich dem globalen Wettbewerb aus. Diese Prozesse führten dazu, dass seit Ende des 19. Jahrhunderts die Zahl der Erwerbstätigen in der Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft, Fischerei) mehr und mehr in die Minderheit gerät.

Während die ständische Ordnung den Bauern den Lebensunterhalt – im Wesentlichen über Selbstversorgung mit Marktzugang – sicherte, ist die bürgerliche Freiheit mit dem Zwang verbunden, seine Arbeitskraft zu Marktbedingungen zu verkaufen. Die Menschen auf dem Land erleben die neue bürgerliche Ordnung so häufig als Verschlechterung. Damit entsteht ein kultureller und politischer Graben zwischen konservativem Land und fortschrittlicher Stadt.

Wer auf dem Lande lebt, wird solche Zusammenhänge zwischen Produktionsweise und Mentalitäten in eigenen Beobachtungen mehr oder weniger wiederfinden. Es geht aber keineswegs nur um die Kontinuitäten. Auch die Brüche sind interessant. Kurioserweise betrifft das auch die Tradition selbst. Bätzing spricht von ihrer “Neuerfindung” (S.110).

In traditionellen Gesellschaften prägt die Tradition Wirtschaften und Alltag und schafft die Basis für Gerechtigkeit und Frieden. Damit muss sich Tradition immer wieder an gegenwärtige Herausforderungen anpassen. Die heutige Traditionspflege wurde dagegen seit dem 19. Jahrhundert durch städtisch geprägte Bürger – Pfarrer, Lehrer, Wissenschaftler – in die Hand genommen und auf der Suche nach Ursprünglichkeit neu erfunden. “Aus dem lebendigen Brauchtum werden jetzt Veranstaltungen, bei denen Teilnehmer, Trachten, Schmuck, Ablauf und Organisation im Detail festgelegt werden”. Während es früher keinen Unterschied zwischen Akteuren und Zuschauern gab, wird aus dem Brauch jetzt ein “Schaubrauch”: “die Dorfbewohner werden bei ihren eigenen Traditionen zu Statisten” (S.113).

In dieselbe Zeit fällt eine Neubewertung von Landschaft. Sind für “Bauern lediglich solche Stellen schön, die besonders ertragreich sind” (S.115), entdeckt das Bürgertum mit der neuen Mode des Spaziergangs vor die Tore der Stadt die “schöne Landschaft”, die sich im 19. Jahrhundert in der Inflation lokaler “Schweizen” niederschlägt. Verbunden damit sind der neue Ausflugstourismus ebenso wie die Naturschutz- und Heimatschutz-Bewegungen. Damit wird der ländliche Raum aus einer städtischen Sonntags- und Freizeitperspektive Idyllisiert, das heißt nicht als Lebens- und Wirtschaftsraum behandelt. Umgekehrt ruft das die Gegenposition auf den Plan, nach der nur die Stadt ein gutes, freies, fortschrittliches Leben biete.

Eine für das Landleben entscheidende Zäsur sieht Bätzing mit dem Übergang von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft seit den 1970er Jahren. Das Land wird damit von der Massenmotorisierung, den Massenmedien und dem Sozialstaat erfasst.

In der Landwirtschaft setzt sich unter dem Motto “Wachsen oder weichen” ein Prozess der Betriebsvergrößerung und Spezialisierung durch. Die kleinstrukturierten bäuerlichen Betriebe stehen sowohl bei den Vorprodukten und Hilfsmitteln (z.B. Saatgut, Maschinen) als auch auf der Absatzseite übermächtigen Akteuren gegenüber und geraten in eine Verliererposition. Die Folgen der kapitalistischen Durchformung sind gravierend: Aufgabe der traditionellen Verbindung von Ackerbau und Viehwirtschaft, Homogenisierung der Landschaft für maschinelle Bearbeitung, Schäden der Chemisierung bei Grundwasser, Artenvielfalt, Bodenorganismen, Insekten und Vögeln.

Während traditionell die Bewirtschaftungsintensität je nach Böden und Lage abgestuft war, wird nun auf die Alternative kapitalintensive Bewirtschaftung oder gänzliche Nichtbewirtschaftung abgestellt.

So entsteht eine Landwirtschaft, deren “Verbrauch von fossiler Energie größer (ist) als die Energie, die sie durch das pflanzliche und tierische Wachstum neu gewinnt, so dass ihre Energiebilanz negativ wird” (S.128). Die Bauernfamilien werden zur Minderheit auf dem Land.

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts nehmen politische Interventionen im Zeichen des Systemwettbewerbs mit dem Sozialismus zu. Dazu gehören Dorfsanierungen, Schul- und Gebietsreformen sowie die Ausrichtung auf zentrale Orte. Als Basis benennt Bätzing zwei Leitideen: die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse und die Nutzungsentmischung.

Die Entmischung der Schlüsselfunktionen Arbeiten, Wohnen, Freizeit/Erholung stammt aus den Stadtreform-Bestrebungen des 20. Jahrhunderts. Gewerbegebiete, reine Wohngebiete und Freizeitflächen sollten voneinander getrennt und durch (Auto)Verkehrswege verknüpft werden. Auf das Dorf übertragen bedeutet dies eine vermeintliche Verschönerung durch Entkernung der durchmischten Dorfmitte zugunsten von einerseits Neubausiedlungen, andererseits neuen industriell gefertigten Agrarhöfen an der Dorfperipherie. So entstehen sterile Teilflächen ohne soziales Zentrum.

Die Dorfschule passt nicht mehr zu den Leitideen einer Bildungsreform der 1960er Jahre, die sozialen Aufstieg durch höhere Bildung propagiert. So wird der Schulweg zu Grundschulen weiter und zu weiterführenden Schulen kürzer. Die Bildungsmöglichkeiten verbessern sich, aber die Schule verschwindet aus der Dorfwelt und die Dorfwelt aus der Schule.

Auf Verwaltungsebene greifen seit den 1970er Jahren Gebietsreformen mit dem Ziel, für eine professionelle Verwaltung Gemeinden von mindestens 5.000 Einwohnern zu schaffen. Früher selbständige Dörfer werden zu Ortsteilen mit negativen Folgen für Identität und politische Partizipation.

Die Kreisreformen sollen die Kreisstadt mit dem Umland unter der Maßgabe guter Erreichbarkeit verflechten. Gleichzeitig sollen strukturschwache und -starke Gebiete im Sinne eines kreisinternen Ausgleichs neu miteinander vereint werden. Dazu werden traditionelle Territorien mit ihren gewachsenen Identitäten aufgelöst und Gebiete mit unterschiedlichen Herausforderungen zusammengespannt. Es entstehen neue Grenzziehungen für Schule, Verkehr, Presse, Sport, Verbände, Vereine und Kammern. Im Ergebnis diagnostiziert Bätzing eine Schwächung der wirtschaftsschwachen Gebiete.

Gleichwertige Lebensverhältnisse sollen dadurch geschaffen werden, dass möglichst alle Landbewohner innerhalb von sechzig Autominuten einen zentralen Ort von über 100.000 Einwohnern mit einem Vollangebot der Daseinsvorsorge erreichen können. So wird der ländliche Raum zu einem Teillebensraum, was zu einer Verkehrsexplosion beiträgt.

Eine Alternative zu diesem historischen Prozess findet Bätzing in der Zentrum-Peripherie-Debatte zur Entwicklung der Dritten Welt mit der Idee einer endogenen/eigenständigen Regionalentwicklung. Das heißt, statt eines Teillebensraum soll es einen möglichst eigenständigen Lebens-, Wirtschafts- und Kulturraum geben, der bei starker regionaler Identität nicht auf Wirtschaftsmaximierung, sondern gutes Leben mit hoher Wertschöpfung in der Region ausgerichtet ist.

Bei aller ländlichen Modernisierung bleiben für Bätzing fundamentale Unterschiede von Stadt und Land durch eine “größere oder geringere Naturnähe, durch geringfügiger oder stärker ausgeprägte Arbeitsteilungen sowie durch eine größere bzw. geringere soziale Nähe” bei unterschiedlicher Dichte und Bedeutung der Fläche (S.221). Nur beides – das städtische und das ländliche gemeinsam – ermöglichen ein gutes Leben.

Auf den letzten knapp 40 Seiten entwirft Bätzing Leitideen für die Zukunft des Landlebens mit unterschiedlichen Szenarien, konzeptionellen Zugängen und wirtschaftsräumlichen Klassifizierungen. Damit ist er dann mitten in den bekannten aktuellen Debatten angekommen. Das nachzulesen ist vor dem Hintergrund seiner Gesamtanalyse gleichwohl höchst anregend.

Natürlich lassen sich bei einem solch weit gespannten Überblick tausend Phänomene nennen, die irgendwie nicht in die großen Linien passen. Und sicher ist der Autor auch geprägt von seinem Erleben und seiner Erforschung des alpinen Raums mit ganz anderen Strukturen als etwa in der ostelbischen Gutswirtschaft. Das ist keine Kritik, sondern eher ein Lesehinweis.

Gerade in der extrem kurzfristigen Denkweise der aktuellen Auseinandersetzungen um Stadt und Land sind diese von Bätzing gezogenen langen Entwicklungslinien inspirierend. Wohltuend ist dabei, wie der Autor seine Sympathie für das Ländliche durchscheinen lässt, ohne kritische Reflektion vermissen zu lassen. Der „gefährdeten Lebensform“ Landleben attestiert Bätzing zum Schluss Berechtigung und Chancen. Bedingung ist, dass „man sich nicht mehr den Sachzwängen einer unüberschaubar gewordenen Welt ausgeliefert fühlt, sondern selbst aktiv wird“ (S. 255). Wer in diesem Sinne Ländlichkeit gründlicher ausleuchten will, wird hier fündig.

*Werner Bätzing: Das Landleben. C.H.Beck, München 2020, 302 Seiten, 26 €

 

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung. Autor von „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“

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