ECOVAST: Die Zukunft des ländlichen Raumes mitgestalten!

Seit über 30 Jahren setzt sich das European Council for the Village and Small Town, kurz  ECOVAST, für den ländlichen Raum in Europa ein. Die Deutsche Sektion des Europäischen Verbandes für den ländlichen Raum e.V.- so der etwas sperrige Name- prägte Mecklenburg-Vorpommern besonders in der Zeit nach der Wende beratend und gestaltend mit.

Auch heute ist der ländliche Raum wieder starkem Wandel ausgesetzt. Strukturschwache Gegenden kämpfen um Einwohner und den Erhalt von Infrastruktur, während küstennahe Gebiete unter dem Druck der Investoren auf die schwindende Kulturlandschaft und Küstenlinie versuchen, ihre Identität zu bewahren.

Windkraftanlagen in zehnfacher Ausbaustufe, Überlandstromleitungen, expandierende gesichtslose Neubaugebiete in den Außenbereichen, und eine zunehmend industrialisierte Landwirtschaft der Investmentfonds in ausgeräumter Landschaft ohne lokalen Bezug erwarten uns. Denn die Raumplanung, Energiepolitik und Förderkulissen werden nicht ausreichend vor Ort, auf dem Land und für den ländlichen Raum gemacht.

Grund genug, das Strategie und Standpunktpapier von ECOVAST an die drängenden Herausforderungen anzupassen.

ECOVAST ist dabei gut vernetzt und sucht Synergien mit den Umweltverbänden und auch baukulturellen Organisationen.

Ich hoffe, die neue ECOVAST Strategie kann Ihnen eine Anregung sein, zum Diskurs und vielleicht auch zu einem weiteren persönlichen Engagement.

Hier der Text des jüngsten ECOVAST-Dokuments in Kurzfasssung:

(Die Langfassung steht hier zum Download)201122-Strategie Landlicher Raum für Europa-2021

November 2020

Eine Strategie für den ländlichen Raum in Europa

Kurzfassung

  1. Der ländliche Raum in Europa und die Menschen, die darin leben, sind von einschneidenden Veränderungen betroffen. ECOVAST ruft zu Maßnahmen auf, die das Wohl dieser Menschen im Interesse aller Europäer schützen.

2. Wir streben ein Gleichgewicht und eine gegenseitige Unterstützung zwischen Menschen und Umwelt an. Wir suchen nach integrierten Lösungen zwischen den verschiedenen staatlichen Stellen, sowie zwischen Behörden und den betroffenen Menschen vor Ort. Wir erwarten, dass die Bevölkerung gefragt und in die Entscheidungsprozesse einbezogen wird. Grundlage können regionale Entwicklungsplanungen mit früher partizipativer Bürgerbeteiligung sein.

3. Wir wollen Maßnahmen entwickeln, um die Wirtschaft des ländlichen Raums in Europa wiederzubeleben und zu stärken:

3a. Wir wollen, dass eine ortansässige Landwirtschaft im gesamten ländlichen Raum Europas erhalten bleibt. Schwerpunkt der Landwirtschaftspolitik muss die Förderung regionaler Betriebe, weg von der Quantität und hin zur Qualität der Erzeugnisse sein. Die Landwirte müssen in die Lage versetzt werden, ihr Einkommen nicht nur aus der Nahrungsmittel- und Energieproduktion, sondern auch durch Aktivitäten zum Schutz der Kulturlandschaften zu erwirtschaften. Nebenerwerbstätigkeiten von ortsansässigen Bürgern müssen dabei mehr als bisher gefördert werden. Die EU-Unterstützung von industrialisierten Betrieben nur nach Flächengröße gehört revidiert.

3b. In der Forstwirtschaft muss mehr Nachdruck darauf gelegt werden, neben der Waldwirtschaft auch die Bedeutung des Waldes mit seinen vielfältigen Aspekten für den ländlichen Kulturraum sowie für das Wohlbefinden der Menschen zu berücksichtigen. Mehrstufige Mischwälder könnten dies besser als holzwirtschaftliche geprägte Monokulturen leisten.

3c. Gewerbe- und Dienstleistungsunternehmen sind auf der Basis regionaler Potentiale und lokaler Unternehmerschaft zu fördern. Die Digitalisierung mit flächendeckendem Zugang zu schnellem Internet ist dabei eine Voraussetzung, deren Umsetzung Priorität haben muss.

3d. Der Fremdenverkehr in ländlichen Räumen ist in einer Weise zu fördern, die den Charakter und die Kapazität der zu nutzenden Gebiete respektiert und die baukulturellen und kulturlandschaftliche Regionalität als zu bewahrendes Kapital versteht.

4. Die Landbevölkerung sollte in die Lage versetzt werden, gute Wohnverhältnisse mit modernen Annehmlichkeiten zu erhalten, wobei jedoch die traditionelle örtliche Bauweise respektiert werden muss. Planen und Bauen ist eine Gemeinschaftsaufgabe. Bestandsentwicklung und „Umbaukultur“ im privaten und öffentlichen Bereich ist vor Neubau zu unterstützen. Besonders Augenmerk ist auf prägende Gebäude öffentlicher oder privater Infrastruktur zu richten. Die Regierungen sollten die ländliche Infrastruktur und die soziale und kulturelle Lebensfähigkeit der ländlichen Gemeinden fördern. In den Stadt- und Dorfkernen sind Versorgungsfunktionen und ÖPNV-Anbindungen zu verstärken und zu bündeln (Festlegung grundfunktioneller Zentren). Zeitgenössische, regional verbundene Architektur ist notwendig und eine Bereicherung, wenn sie in dem lokalen Kontext berücksichtigt ist.

5. Der langfristige Erhalt und die Pflege der gewachsenen Kulturlandschaft, sowohl in Bezug auf die Tier- und Pflanzenwelt, die Landschaft als auch die historischen Gebäude und das historische Wegesysteme mit Alleen und kleinen Landwegen sollte Priorität bei allen Entscheidungen haben. Effektive Systeme sollten in jedem Land ein- und durchgeführt werden, um wichtige Merkmale des kulturellen Erbes zu erfassen und zu erhalten sowie das öffentliche Bewusstsein für dieses Erbe zu erweitern.

6. Die Verantwortung für solche Maßnahmen liegt bei der ländlichen Bevölkerung selbst. Deswegen sind von Lokale Behörden das breite Spektrum der ehrenamtlichen Organisationen und die Bürger früh, bereits zur „Planungsphase 0“, einzubeziehen.

7. Regionale und nationale Regierungsstellen müssen die besonderen Qualitäten der ländlichen Gebiete und die Bedürfnisse der ländlichen Gemeinden erkennen und diese in integrierten Strategien für den ländlichen Raum sowie in allen relevanten sektoralen Strategien zum Ausdruck bringen.

8. Der Europarat muss sich verstärkt um den ländlichen Raum bemühen, und zwar insbesondere um das architektonische Erbe, den Schutz des ländlichen Raumes und der Küsten und um eine integrierte ländliche Entwicklung.

9. Die Europäische Union sollte schnellstens ihr Engagement ausweiten und Anreize zum Erhalt und zur Entwicklung des ländlichen Raumes sowohl in den Mitgliedstaaten als Osteuropa geben.

10. Die Regierungen und Völker in Mittel- und Osteuropa sollten ihre neuen Möglichkeiten ergreifen, um die Wirtschaft im ländlichen Raum zu stärken, sowie die ländliche Kultur wiederzubeleben.

11. ECOVAST als eine gesamteuropäische Vereinigung sieht sich verpflichtet, bei der Verfolgung dieser Ziele eine aktive Rolle, durch sein Netz von Partnerschaften im ländlichen Europa, zu übernehmen, um dem ländlichen Raum zu dienen und ihm seine Bedeutung zurückzugeben.

Drei Schlüsselprinzipien

Die Strategievorschläge werden mit der dargestellten Absicht und auch aufgrund dreier Prinzipien, zu denen sich ECOVAST verpflichtet hat, angeregt.

Bevölkerung und Umwelt. Wir haben gleichermaßen Sorge um die Bevölkerung und den Ort, d.h. die Umwelt und das Erbe. Wir streben einen Ausgleich und eine gegenseitige Unterstützung zwischen beiden an. Wir streben eine ländliche Lebensqualität an, die gleichermaßen modern und dauerhaft ist. Wir glauben an eine langfristige Bewahrung und Pflege der natürlichen Reichtümer und jener ererbten und sich noch entwickelnden Kulturen, welche Europa seine reiche örtliche Vielfalt geben. Zukunftsfähige Lebensbedingungen erfordern Kenntnisse tatsächlicher Bedürfnisse vor Ort.

Integrierte Maßnahmen. In vielen ländlichen Gebieten ist ein riesiger Schaden durch eine beschränkte Sektoralpolitik oder durch unflexibles „von oben nach unten“ gerichtetes Denken entstanden, das die anderen Aspekte des Lebens oder die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Gebieten nicht berücksichtigt hat. Für alle Programme öffentlicher Politik und öffentlicher Maßnahmen, egal welchen geographischen Ausmaßes, sprechen wir uns für eine effektive Koordination der verschiedenen staatlichen Stellen untereinander sowie für eine Zusammenarbeit zwischen Regierung und örtlicher Bevölkerung aus. Wir werden durch das wachsende Bewusstsein von der Notwendigkeit von integriertem Denken und Handeln auf allen Ebenen darin bestärkt.

Befragung und Beteiligung der Bevölkerung. Die lokale Bevölkerung hat in der Regel ein viel besseres Gefühl als die Regierung für das, was in ihrem Gebiet angemessen und machbar ist. Außerdem ist es ihre Zukunft, über die bei jeder Veränderung entschieden wird. Die Herausforderung ist hierbei, die Ansichten der Bevölkerung und ihre Ressourcen mit den Vorstellungen der Regierungsstellen auf allen Ebenen zu verbinden. Als Werkzeug für dieses Anliegen sollte die frühe partizipative Bürgerbeteiligung entwickelt und genutzt werden.

Schlussfolgerungen

ECOVAST möchte die zentrale Rolle betonen, die die Bevölkerung des ländlichen Raumes bei der Entwicklung der Maßnahmen und deren Durchführung spielen muss, die ihrem Wohlergehen dienen und das Erbe schützen. Regierungen allein können diese Arbeit nicht erledigen. Maßnahmen müssen entwickelt werden, um die ländlichen Gemeinden in den Stand zu versetzen, ihre Bedürfnisse und Bestrebungen zu formulieren und ihre Kräfte in die Umsetzung der Aufgaben einzubinden. Es müssen effektivere Formen der Zusammenarbeit zwischen Regierungen und Gemeinschaften im ländlichen Raum geschaffen werden, um das Potential (nationaler und lokaler, sowie öffentlicher und privater Art) für diese Aufgabe zu nutzen.

ECOVAST – als europaweite Organisation – dessen Mitglieder staatliche und nicht-staatliche Organisation sowie Einzelmitglieder umfasst – verpflichtet sich, die Schaffung dieser Verbindungen zu unterstützen. Die wichtigste Aufgabe des Verbandes, in diesem großen Thema des ländlichen Lebens in Europa, ist es, den Austausch von praktischen Ideen und Lebenserfahrung anzuregen.

Wir möchten die Stimme der europäischen Landbevölkerung stärken und ihre Handlungen zum jeweils regionalen Kulturerhalt unterstützen.

 

 

Kontakt: soenke.reimann@ecovast.de

Dr. Sönke Reimann aus Hoben / Wismar engagiert sich ehrenamtlich und politisch im Landschafts- und Denkmalschutz, vorwiegend bei ECOVAST Deutschland, der Interessengemeinschaft Bauernhaus und der Arbeitsgruppe Baukultur Wismar.

 

 

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