Stadt, Land, Landwirtschaft

– und wie sie kulturell zusammenhängen

Uta Ruge hat diesen Vortrag im Rahmen der Online-Reihe „Neue Ländlichkeit: Aufbrüche – Ideen – Reflexionen“ am 2. Mai 2022 gehalten. Die Reihe ist ein Kooperationsprojekt von Mecklenburger AnStiftung und Europäischer Akademie Mecklenburg-Vorpommern. Das Video zu Vortrag und Diskussion finden Sie hier: https://www.anstiftung-mv.de/material/MAS_Neue-Laendlichkeit_22-05-02.mov

Wenn ich mich heute nach dem Lande sehne, hoffe ich auf den lieblichen Ort, den locus amoenus der bukolischen Literatur. Ein kleines Idyll würde mir reichen: Häuschen, Gärtchen, vielleicht mit einem See oder Fluss in der Nähe. Dort genösse ich den Gesang der Vögel und sähe den Wolken hinterher.
Aber natürlich weiß ich, so funktioniert es nicht. Denn auch das Land hat Geschichte und Regeln, und die Bukolik ist eine Utopie.

Deshalb hier als Erstes eine kleine historische Skizze zu solcher Idyllik.

Vom Lesen zwischen den Zeilen beim römischen Dichter Horaz [er lebte im Jahrhundert vor Chr. Geburt] wissen wir, dass der bukolische Ort ein Ort ohne Arbeit ist. Die Leitung seines Gutes überließ der Dichter seinem Verwalter – und der übertrug sie seinen Pächtern, Knechten und Feldsklaven, auf dass Brot und Öl, Fleisch und Wein für die Stadt gewonnen würden. Horaz, der als Teilnehmer eines umtriebigen Kulturlebens in Rom ansässig war, schrieb seine Gedichte und berühmte Brief-Prosa möglichst auf dem Lande und für ihn war ausgemacht, jeder Dichter „liebt den Hain“ und „flieht vor der Stadt“.

Springen wir ins 18. Jahrhundert zum Erzaufklärer und gebürtigen Mecklenburger Johann Heinrich Voß, Sohn eines leibeigenen Kammerherrn. Er liebte die Antike, übersetzte Vergils „Landbau“ und wurde berühmt als Übersetzer der Odyssee ins Deutsche. Voß übernahm diese Haltung zum Lande – und weitete sie auf alle aus. „Oh, wollt ihr Freude schauen / so wandelt Hand in Hand, / ihr Männer und ihr Frauen, / Und kommt zu uns aufs Land!“

Dagegen verriet 1901 der dringliche Wunsch der drei Tschechow’schen Schwestern: „Nach Moskau, nach Moskau!“ nicht nur die Sehnsucht nach der Großstadt. Er zeugte auch von der Hoffnung auf eine große Umwälzung, die alle Verhältnisse in Stadt und Land umstürzen würde.

Tatsächlich kam diese Umwälzung, es war die Russische Revolution. Und die grauenvolle Ironie der Geschichte sorgte dafür, dass die Städter aller Schichten in ganz Russland aufs Land strömten, um ein paar Lebensmittel zu ergattern und dem Hungertod zu entgehen. Es war, als habe der große Wandel neu ins Gedächtnis rufen müssen die banalste aller Wahrheiten, nämlich dass die Kartoffeln in der Erde wachsen, im Boden unter den Füßen.

Tatsächlich war ja der Fluss zwischen Stadt und Land lange schon umgekehrt. Es war die Landbevölkerung, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Städte strömte. Das lag am rasanten Bevölkerungswachstum und den unendlich vielen Arbeitsplätzen in der Industrie. In den Städten wurden immer mehr Menschen gebraucht, auf dem Land immer weniger. Auch in den Dörfern zogen Neuerungen ein – Elektrizität und Mechanisierung der Arbeit – und zwar dank all jener Apparate und Maschinen, die in den Städten gebaut wurden.

Die Industrie aber und mit ihr die riesenhaft anwachsenden Städte gerieten nun schon wieder in den Ruf, für die Entfremdung der Menschen von der Natur – und von sich selbst – verantwortlich zu sein. Früh schwammen einige gegen den dominanten Strom vom Land in die Stadt, das war eine kleine privilegierte Gruppe von Künstler:innen und Philosoph:innen, sowie ihre wohlhabenden Mentor:innen. [Ich gebrauche hier einmal bewusst die gegenderte Sprache, es waren nämlich sehr viele Frauen dabei!] Sie alle sehnten sich nach dem einfachen und gesunden, kollektiv gelebten Leben. Auf dem Lande sollte es sein, gerne auch in einer Villa. Dort experimentierten sie mit neuen Lebensformen, predigten und malten, tanzten und schrieben auf dem schweizerischen Wahrheitsberg, dem Monte Verità. In den sozialen Utopien dieser Frauen und Männer lag eine Abkehr nicht nur von der Stadt, sondern von der ganzen Gesellschaft. Sogar eine Abkehr von der Moderne – könnte man sagen, wenn nicht gerade sie als Pionier:innen an der Erschaffung der Moderne beteiligt gewesen wären – durch die Lebensreformbewegung und ihre Politisierung in die eine und leider auch in die andere Richtung, also nach links und rechts.

Der Zweite Weltkrieg und der Zivilisationsbruch des Völkermords an den europäischen Juden hat die Problematik des Unterschieds von Stadt und Land und ihre Bedeutung für viele Jahrzehnte aus den politischen Debatten des Westens verbannt. Im Osten Deutschlands wurde der Sozialismus auf dem Lande eingeführt, die Kollektivierung war Trumpf, woraufhin viele Bauern und Handwerker – und an den Küsten Mecklenburgs auch Hotel- und Pensionsbesitzer – das Land verließen. Die aus Schlesien, Hinterpommern und Ostpreußen vertriebenen – in der Sprache des hiesigen Landes: „umgesiedelten“ – Menschen saßen in den Plattenbauten am Rande der alten Dörfer und waren Arbeitskräfte für die bald entstehenden LPG.s. Das wissen Sie alle besser als ich – denn ich gehörte einer Bauernfamilie an, die sich auf die Flucht nach Westen begab und aus der hiesigen Geschichte verschwand.

Erst in den 1970er Jahren, als der Strukturwandel auf dem Land im Westen die Dörfer schon verödet und zu Schlafdörfern gemacht hatte, wurde die Suche nach dem Sinn des Daseins wieder aufs Land getragen. – Im Osten taten dies Künster und Schriftstellerinnen – auch wohl in dem Versuch, sich den in den großen Städten ideologisch vielleicht stärker zupackenden Institutionen zu entziehen.

Im Westen waren die Spitze dieser Ausstiegs- und Alternativen suchenden Bewegung die Friedens- und Ökodörfer der Anti-AKW-Bewegung. Tatsächlich setzte mit dem Beginn der Umweltbewegung eine Re-Emotionalisierung der Politik ein – zusammen mit einer umfassenden Ökologisierung des Denkens über Stadt und Land. Inzwischen kann das Landleben beinahe als Lebensstilentscheidung betrachtet werden, wie die erfolgreichen Romane von Juli Zeh und Dörte Hansen ebenso zeigen wie die diversen Landlust-Magazine.

Denn selbst wenn der Arbeitsplatz in der nächsten Groß- oder Kleinstadt liegt, kann man jetzt dank einer umfassenden Mobilität auf dem Lande leben – durch all jene in urbanen Zentren produzierten Autos, Busse und Eisenbahnen samt Computerchips für die Endgeräte im Homeoffice. Die vorhersehbaren Querelen mit Nachbars Kindern und Vieh, der Missmut über gummireifenbelegte Silagehaufen oder die Frustration, über die Maisfelder im Herbst nicht mehr hinwegsehen und in der Ernte die großen Trecker und Landmaschinen nicht überholen zu können, halten sich einigermaßen in Grenzen. Solche Probleme lassen sich in den erwähnten Romanen ebenso dramatisch, tragisch oder komisch bearbeiten wie im wirklichen Leben verwinden.

Das jedenfalls ist vielfach die Perspektive derer aus der Stadt, die ihr Stadtleben, wenn sie es sich leisten können, mit einer kleinen Wohnung im Urbanen gerne noch in der Hinterhand absichern.
Aber wie sehen die Alteingesessenen und gar die Bauern die neue Landlust?
Denn es ist ja die Frage: Wer sieht wen?

Zuerst einmal sehen sie, dass es unter den Neuankömmlingen Arme gibt und Wohlhabende.
Die vielen aufgegebenen Bauernhöfe in norddeutscher Landeinsamkeit und fern großer Städte – im Westen – haben zu einem großen Wohnungsleerstand geführt. Bauern, die diese Resthöfe mit übernehmen mussten, weil sie das freigewordene Land bewirtschaften wollten, fanden für die lange nicht modernisierten Häuser nur Mieter mit geringem Einkommen, das waren oft Menschen, die von Transferleistungen leben. Nicht wenige von ihnen schotten sich auf diesen etwas heruntergekommenen Anwesen ab mit hohen Zäunen und Hecken und machen überhaupt den Eindruck, von einem Unglück ins andere geraten zu sein.

Wie sie halten auch die etwas betuchteren Neubürger gerne Kleinvieh auf den Weiden und ums Haus herum – Hühner, Enten und Schafe. Von Viehhaltung haben sie allesamt im Zweifelsfall aber keine Ahnung – und fragen, wenn es ums Ende geht, um das Schlachten nämlich, ratlos um Hilfe.

Auch wenn einmal ein Baum auf ihrem Grundstück umzufallen droht oder etwas Schweres bewegt werden muss, erwarten sie Hilfe von den bäuerlichen Nachbarn. „Du hast doch einen Trecker.“ Aber wenn dann geholfen wurde, gibt es oft kein weiteres Angebot mehr. Und damit meine ich nicht Bezahlung oder Gegenleistung, sondern eine Nachbarschaftlichkeit, ein gegenseitiges Erzählen seiner Geschichte und Geschichten.

Und dann sind da noch die Wohlhabenden, die aufs Land ziehen, ein Haus oder einen Resthof kaufen und viel Geld und Mühe in die Neu-, Aus- und Umbauten stecken. Nicht immer sind die so entstehenden Prächtigkeiten – gern mit original friesischen Giebeln und sogar Reetdächern – als einziger Wohnsitz gedacht, manchmal wird die eine Hälfte als Ferienwohnung vermietet und bald eine dörfliche Hilfskraft bezahlt, die Putz- und Gartendienste übernimmt und den Gästewechsel organisiert.

Nicht wenige Neuankömmlinge wollen auf dem Land vor allem Pferde halten, manche als Hobby, aber auch beruflich. Wer zehn oder zwanzig Pferde besitzt, hat sein Geld in anderen Branchen verdient – und investiert jetzt kräftig, baut um und aus und neu. In ihren Ställen sind jene Pflegepferde untergestellt, deren Besitzerinnen in den Neubaugebieten der Dörfer wohnen und gerne mit den Töchtern ausreiten.

Manchmal sind die Pferdeleute diejenigen, die sich den Bräuchen und Gewohnheiten eines Dorfes am ehesten nähern.

Die Alteingesessenen sehen all dem mit skeptischer Freundlichkeit zu und warten erst einmal ab – eine Generation, oder auch zwei.

Manchmal werden sie überrascht. Zum Beispiel wenn ein Neuer, der selten je im Dorfbild aufgetaucht ist, in einer speziellen technisch-elektronisch-digitalen Frage von Landwirten um Hilfe gebeten wird, weil er sich da beruflich auskennen könnte und tatsächlich überschwänglich begeistert darauf eingeht.

Aber die Sehnsucht nach dem Land ist wohl nur in den seltensten Fällen eine nach neuen Beziehungen. Ich vermute, es geht nicht nur mir um den lieblichen Ort – Häuschen und Gärtchen.

Allerdings sollte man bedenken, dass auch das Land aus einem Netz von Geschichten und Beziehungen besteht. Nur gemeinsames Erzählen, Feiern und Kämpfen – etwa um Kindergärten, eine Buslinie oder bessere Breitbandversorgung – kreieren gemeinsame Strukturen, einen wirklich gemeinsamen Ort.

Die Autorin:

Uta Ruge wuchs als Flüchtlingskind von der Insel Rügen auf einem Moorhof zwischen Elbe und Weser auf. Sie studierte Germanistik und Politik in Marburg und Berlin, arbeitete im Rotbuch-Verlag und bei der TAZ und von 1985 bis 1998 als Autorin in London. 2003 erschien ihr Buch „Windland – eine deutsche Familie auf Rügen“, 2020 „Bauern, Land– Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang“. Uta Ruge lebt in Berlin-Kreuzberg.

Mehr Informationen: https://www.uta-ruge.de/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.