“Progressiver Ruralismus” oder ist Landleben ein rechtes Thema? 

Die Idyllisierung des Ländlichen, auch Heimat-, Natur- und Landschaftsschutz stehen politisch eher in einer konservativen oder rechten Tradition. Dort fanden sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts Mahner und Bewahrer –  in Abgrenzung zur industriekapitalistischen Moderne. Im Nationalsozialismus wurde die antimodernistische Pflege von “Blut und Boden” gerade in der bäuerlichen Welt zentral für die Rassenpolitik.

Die Natur- und Umweltbewegung der 1970er/80er Jahre, die sich vor allem aus dem Widerstand gegen Atomkraftwerke speiste, wurde sich nur sehr allmählich solcher für sie peinlicher Vorläufer bewusst. Heute sind Natur und Umwelt vorrangig links-grüne Themen. Die linke Heimat-Aneignung fand ebenfalls in den 1970er/80er Jahren mit den grassroots-Initiativen zur lokalen Alltags- und Kulturgeschichte statt. Ein sichtbares Zeichen war das große Filmepos “Heimat” von Edgar Reitz. Bis heute gerät allerdings in Rechtsverdacht, wer Fragen der Heimat und Heimatpflege offensiv ins Gespräch bringt.

Die politische Repräsentation der Interessen ländlicher Bevölkerung hat diesen Wandel von rechts in die linke Mitte viel weniger mitvollzogen. Bis heute tut sich eine rot-grüne Linke (nicht nur die gleichnamige Partei) schwer mit Ländlichkeit. Links und progressiv waren seit dem 19. Jahrhundert assoziiert mit urbanen Fortschritten der industriellen Produktion, der Wissenschaft und Aufklärung, der sozialen Bewegungen in der Stadtbevölkerung.

Die marxistische Linke hatte ein Problem mit ländlicher Gesellschaft, die sich nicht ohne weiteres mit dem Grundwiderspruch von Kapital und Arbeit begreifen ließ. Ironischerweise feierte sie aber ihre größten Siege in den rückständigsten Agrarländern Russland und China – allerdings um den Preis der Pervertierung ihre humanistischen ideale. Die Erfahrungen mit dem deutschen „Arbeiter- und Bauernstaat“ haben offenbar auch keine guten Grundlagen für eine linke Landpolitik gelegt.

Viele heutige Linke – die “Selbstgerechten”, wie Sahra Wagenknecht sie nennt –  interessieren sich nicht mehr sonderlich für die Kategorien Kapital und Arbeit oder auch nur arm und reich, sondern eher für moralisch korrekte Lebensstile, Denkweisen und Klimakampagnen. Ländliche Lebensstile und -bedingungen, ländliche Befindlichkeiten und ländliche Umweltideale gelten aber nach wie vor als suspekt – siehe Juli Zehs Roman “Unter Menschen”.

Andererseits folgt die Christdemokratie als der einst rechte Hort (durchaus selektiver) ländlicher Interessenwahrnehmung in der Nachkriegszeit mittlerweile dem Leitbild der “modernen Großstadt-Partei” und hat durch diverse Gemeinde- und Kreis”reformen” kräftig mitgeholfen demokratische Teilhabestrukturen auf dem Land zu zerschlagen.

So stehen für ländliche Politik heute mehr denn je die diversen “Freien Wähler” –  allerdings mit Ausnahme von Bayern nur in ländlicher Zersplitterung. Vom bundes- und landespolitischen Frust auf dem Lande profitiert vielfach die AFD. Interessen ländlicher Räume sind heute bis zur Bedeutungslosigkeit marginalisiert – zum Schaden eines Großteils der Bevölkerung, der überwiegenden Fläche und letztlich auch der Städte, die durch Überfüllung an Lebensqualität verlieren.

Umso mehr Aufmerksamkeit verdienen zarte Versuche auf der Linken, die moderne ländliche Gesellschaft zu analysieren und entsprechende politische Angebote zu formulieren. “Progressiver Ruralismus” hieß das Thema in unserer Online-Reihe “Die Revolution des Landlebens” am 2. August 2021. Dr. Michael Mießner von der Universität Klagenfurt trug seine Thesen vor und stellte sich der Diskussion.

Die Online-Aufzeichnung finden sie hier https://www.anstiftung-mv.de/material/MAS_Revolution-Landleben_21-08-02.mov

Die PowerPoint-Präsentation können Sie hier downloaden https://www.landblog-mv.de/wp-content/uploads/2021/08/Miessner_Progressiver_Ruralismus-4.pdf

kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung. Autor von „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“

 

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