Ländlichkeit in der Literatur

Landleben lebt nicht zuletzt von Konstruktionen im Kopf. Welche visuellen und narrativen Vorstellungen wir mit Ländlichkeit verbinden, was uns an Landleben verlockend, verstörend oder bedrohlich erscheint – das greift auf Muster zurück, die über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte von Literatur und Malerei, Film oder Fotografie gepflegt wurden.

Künstlerisch-mediale Verarbeitung bildet dabei Landleben in einer spezifischen Filterung ab und formt zugleich wieder Realität, indem Menschen ihr Leben, Wohnen und ihre Umwelt nach den Vorlagen der Autoren, Maler, Filmemacher usw. gestalten. Was uns schön erscheint, ist also Ergebnis kultureller Verarbeitung. Ein dialektischer Prozess ohne Anfang und Ende.

Die kulturelle Darstellung von Ländlichkeit weist ein riesiges Spektrum auf – von Edgar Reitz‘ vielteiligem Filmepos „Heimat“ über ländliche Krimis der „Tatort“- oder „Polizeiruf“- Serie bis zu absurd-anachronistischen Produkten wie „Neues aus Büttenwarder“ oder Bergdoktor-Kitsch.

Autoren produzieren jede Menge Darstellungen von Ländlichkeit, die mal eher Erfahrungsberichte, mal Reportagen, mal Trivialliteratur, mal „Literatur“ nach den Kriterien des Feuilletons sind. Künstlerische Qualität ist dabei keineswegs mit Wirksamkeit gleichzusetzen.

Bedenkt man, in welchem Maße in unserem öffentlichen Diskurs intellektuelles Leben mit Metropolen assoziiert wird, ist es bemerkenswert, dass der Dorfroman offenbar Konjunktur hat.

Marc Weiland, wissenschaftlicher Koordinator des Forschungsprojekts „Experimentierfeld Dorf“ an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg geht in dem Sammelband „Über Land“  diesen „Themen und Tendenzen neuer Dorfgeschichten“ unter dem Motto „Schöne neue Dörfer?“ nach. Seine Feststellung: „Dorfgeschichten boomen. Die Produktion und Rezeption von literarischen Dorfgeschichten hat in der jüngsten Vergangenheit einen exponentiellen Anstieg zu verzeichnen.“ (S.81)

Einschlägige Werke wie Juli Zehs „Unterleuten“ (2016), Regina Scheers „Machandel“ (2014) oder Dörte Hansens „Altes Land“ (2015) haben es schnell zu Prominenz gebracht.

Welche Muster bestimmen heute den Dorfroman ?
Grundlage nicht nur im literarischen, sondern auch wissenschaftlichen und alltagsweltlichen Erzählen ist die räumlich, sozial, ethisch und ästhetisch geschlossene Ganzheit des Dorfes.
Das alles in einer Überschaubarkeit, die das Verstehen und Erzählen erleichtert, weil scheinbar alle Faktoren, Akteure und Beziehungen in den Blick genommen werden. Das impliziert zugleich eine scharfe Abgrenzung zur Stadt, die nicht nur räumlich ausgeprägt ist. Vielmehr zeigt sie sich auch in der Entschleunigung und im Zusammenhalt in einer stabilen Sozialordnung.

Dieses Grundmuster lässt sich erzählerisch in verschiedene Richtungen bearbeiten. Z.B. als das Fremde schlechthin, das sich in Sagen, Legenden und Mythen ausdrückt – eine Verbindung von Magie und Alltag, die dadurch befördert wird, dass die Deutungen des Dorfes besonders von der Vergangenheit bestimmt werden. Das Dorf und seine Umgebungen werden „als besonders geheimnisvoll und unheimlich wahrgenommen“ (S.89).

Ein anderer Zugang dreht sich um „Protagonisten, die zwischen Stadt und Land unterwegs sind und dabei das Dörfliche und Ländliche in Abgrenzung zum Städtischen imaginieren und erfahren“ (S.88). In der Regel spiegelt sich darin auch die Situation von Autorinnen und Autoren, die biographisch mehr oder weniger durch Stadt geprägt wurden. Aufmerksamkeit finden hier die Differenz städtischer und ländlicher Verhaltensregeln, Lebensideale, Kommunikations- und Abhängigkeitssysteme. Aus dem Blickwinkel der Romanfigur eines Soziologen schildert das Juli Zeh:

„Obwohl Unterleuten keine hundert Kilometer von Berlin entfernt lag, hätte es sich in sozialanthropologischer Hinsicht genauso gut auf der anderen Seite des Planeten befinden können. Unbemerkt von Politik, Presse und Wissenschaft existierte hier eine halb-anarchische, fast komplett auf sich gestellte Lebensform, eine Art vorstaatliche Tauschgesellschaft, unfreiwillig, subversiv, fernab vom Zugriff des Staates, vergessen, missachtet und deshalb auf seltsame Weise frei. Ein gesellschaftstheoretisches, nein, gesellschaftspraktisches Paralleluniversum.“ (Zeh 2016, S. 29)

Das Dorf eignet sich aber auch besonders, um Ein- und Umbrüche zu thematisieren. „So schildern die literarischen Dorfbestseller der Gegenwart (z.B. die Romane von Saša Stanišić und Juli Zeh) allesamt Krisenerfahrungen.“ (S. 95) Dabei werden Mangel und Verlusterfahrungen auf dem Land ebenso in den Blick genommen wie Durchmischungen „von ‚urbanen‘ Lebensweisen auf dem Land als auch ‚ruralen‘ Lebensweisen in der Stadt“ (S.99).

Schließlich wird Dorf auch als sozialer Ort beschrieben, der „sich nahezu beständig durch die Zeiten hindurch mit Umbrüchen jedweder Art auseinanderzusetzen hat und zu dessen Existenz die Krise in konstitutiver Weise dazugehört“ (S.100).

Neuere Dorfgeschichten zeichnen sich nach Weiland dadurch aus, dass sie weniger „eine tätige Aneignung der Umwelt (bspw. durch Arbeit) oder aber die Konstituierung einer Gemeinschaft“ (S.105) behandeln. Vielmehr triggert das Dorf Erinnerungsakte im Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Nicht selten spielt dabei Gewalt eine Rolle. Das Dorf wird nicht nur als Raum der Kontrolle und Überwachung, des Autoritären, sondern auch als „Hort alltäglicher Gewalterfahrungen imaginiert, die sich aus einer Radikalisierung der Idee der Gemeinschaft ergeben“ (S. 108)

Andererseits ist es gerade die Suche Vieler nach einem „guten, naturnahen und mit sich selbst identischen Leben abseits des Städtischen … das … die Prozesse der Urbanisierung und Modernisierung des ländlichen Raums gnadenlos“ vorantreibt (S. 94).

Im Endeffekt ist so die Dorfgeschichte in ihrer Verschränkung von Imagination, Fiktion und Lebenswelt eine Reduktionsmodell, um – in mitunter ironisierender und distanzierender Weise gegenüber klassischen Narrativen – einen Handlungsort für „gesamtgesellschaftliche Fragestellungen und Problemlagen“ zu gewinnen (S. 116). Und das mit pessimistischen Grundton.

Um die höchst widersprüchlichen Eindrücke mit den Worten der Herausgeber zu ergänzen: “Ländliche Räume erscheinen aus dieser Perspektive nicht bloß als unterstützungsbedürftige Peripherien, sondern als modellhafte und modellbildende Experimentierfelder innovativer Kräfte, auf denen sich neue Formen sozialer Bindung sowie alternative und nachhaltige Lebens-, Wirtschafts- und Beteiligungsformen herausbilden können.“ (S. 15)

Bekanntlich ist jedes Dorf anders. Und Romane sollten literarisch schlüssig sein, müssen dabei aber kein repräsentatives Bild von Dorfrealität zeigen. Was sie zeigen, beeinflusst allerdings unabhängig von Realitäten den öffentlichen Diskurs und lohnt die Reflexion.

So helfen Dorfgeschichten vielleicht zu verstehen, wie Urbanisierungshype und Landlust zwei Seiten derselben Medaille sind. Das verbindende Phänomen scheint die politisch-sozio-ökonomische Instabilität zu sein, das Niemandsland zwischen den gegenwärtig verfallenden alten Gewissheiten und den noch nicht etablierten neuen. Neue Ländlichkeit wird literarisch und praktisch zum Experimentierraum für die Zukunft.

Quelle: Magdalena Marszalek, Werner Nell, Marc Weiland (Hg.):
Über Land. Aktuelle literatur- und kulturwissenschaftliche Perspektiven auf Dorf und Ländlichkeit. Transcript, Bielefeld 2018, 39,99 €

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung.

 

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