„Dorf machen“

so simpel heißt ein neues Buch mit dem akademischer klingenden Untertitel „Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung“ .



Herausgeber ist ein Professor, der zur Zeit an der Kunstuniversität Linz lehrt und weiß, was Dorf bedeutet. Ton Matton lebt und arbeitet seit vielen Jahren in dem mecklenburgischen Dorf Wendorf zwischen Crivitz und Brüel mit seiner Wendorf Academy – zugezogen aus Rotterdam.

Mehrere Jahre hat er an der Hochschule Wismar gelehrt und 2012 mit dem ebenso schrillen wie spektakulären Projekt „Große Potemkinsche Straße“ die westmecklenburgische Kleinstadt Wittenburg aufgemischt. Die vielen Videos dazu im Netz geben einen höchst lebendigen Eindruck.

„Dorf machen“ stellt ein Projekt aus Gottsbüren vor. Das von Abwanderung und Funktionsverlust geplagte nordhessische Fachwerkdorf mit noch 800 Einwohnern liegt im Reinhardswald nördlich von Kassel. Das Projekt fand einschließlich Vorlauf vom Sommer 2013 bis in den Herbst 2016 statt.

Auch in Gottsbüren verfolgte Matton die Idee der Potemkinschen Dörfer mit seinen Linzer Studierenden. Wenn im zaristischen Russland Feldmarschall Potemkin Katharina II. Dorffassaden vorführte, um eigene Erfolge vorzutäuschen, so nutzt Matton das Fake als Denkanstoß für „Möglichkeitsräume“ und Ermöglichungsträume.

Letztlich geht es darum, vom negativen Misere-Narrativ wegzukommen und mit bewährten Mitteln einer Art paradoxen Intervention eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Der Ansatz besteht also gerade nicht darin, dem kranken Patienten Ländlicher Raum gut zuzureden sondern mit einer kräftigen Dosis kulturelle Aktion im weitesten Sinne den lokalen Organismus umzustimmen.

Hier steht die „Centenniale Gottsbüren“ im Mittelpunkt. Dazu gehören viele Aktionen im öffentlichen Raum. Beispiel: Kinder wünschen sich schon länger einen Zebrastreifen über die Bundesstraße, die durchs Dorf führt. Also wird ein temporärer Zebrastreifen innerhalb von 20 Minuten mit Kalkfarbe aufgemalt. Die Ordnungsbehörden drohen mit Anzeigen, so wird das Werk am nächsten Tag mit Essig und Schrubber wieder entfernt. Nichts erreicht, könnte man sagen. Aber vielleicht doch in den Köpfen.

Das Buch ist so ungewöhnlich wie das Projekt. Statt systematisch aufgebauter Kapitel finden wir ohne Seitenzahlen einen Bilder- und Text-Zyklus mit Einblicken in die Ortsgeschichte und studentische Arbeiten rund um’s Landleben, Zeitungsausschnitten und Aufrufe, Interviews und allerlei Fundstücken.

Das Leben im Dorf neu denken, dafür gibt dieser Improvisationsschatz auch über Gottsbüren hinaus tolle Anregungen.

Ton Matton (Hg): Dorf machen. Improvisationen zur sozialen Wiederbelebung. Jovis Verlag Berlin 2017.224 2017. 224 Seiten,28,00 €

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt berät Stiftungen, ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung.

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