Das letzte Jahrhundert der alten Ländlichkeit


Zu Mario Niemanns “Beständigem Wandel”

Wer Lektüre mit einem Krafttraining für Arme und Hände verknüpfen möchte, findet in diesem Werk eines Rostocker Historikers ein geeignetes Trainingsgerät. Mehr als 3 Pfund machen die Lektüre beschwerlich, ein fast 8 cm starker Klotz auch unhandlich.

Es geht um „Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Mecklenburg von 1900 bis 2000“. Ein erstes Durchblättern weckt Zweifel, ob Gewicht und geistiger Gewinn der Lektüre in einem günstigen Verhältnis stehen: zahllose Tabellen und zahlengesättigte Ausführungen zu Anbauflächen, Tierbeständen, Erntemengen, Arbeitskräften, Maschinen, Verordnungen – sich wiederholend für die jeweiligen Phasen der Geschichte. Muss ich das wissen, will ich das wissen – und wenn ja wozu?

Erste Neugier wecken die zahlreichen Fotos, die – bei bloß dokumentarischer – Abbildungsqualität einen sehr konkreten, lebendigen Eindruck von Landleben und Landarbeit bieten. Fotos, die als Archivfunde über das übliche Repertoire des Dorf- und Agrarsujets hinausgehen.

In der Mischung von Unlust und Neugier nehme ich mir vor, mich auf Zusammenfassungen und Thesen zu konzentrieren, ohne in zu viele Details einzusteigen. Um es vorwegzunehmen: Diese Selbstbeschränkung ist mir nicht gelungen. Ich bin eingetaucht in einen Kosmos des Landlebens, der mich mehr und mehr in seinen Bann schlug.

Die Darstellung beginnt mit einem vorzüglichen Abriss des vorrevolutionären Mecklenburg im Kaiserreich zwischen 1900 und Erstem Weltkrieg. Hier wird aufgeklärt, was auch unter Gebildeten häufig missverstanden wird: Mecklenburg hatte nicht nur die Parlamentarisierung des Kaiserreichs nicht mitgemacht (außer bei Reichstagswahlen), es hatte auch die moderne Territorialstaatsbildung unter absolutistischer Herrschaft verpasst. In Mecklenburg mit seinen zwei Großherzogtümer gab es einen gemeinsamen Landtag, der aber nicht gewählt wurde, sondern die Stände, zumal die Ritterschaft, als Gegenspieler der Großherzöge versammelte. Die Masse der ländlichen Bevölkerung fand hier keinerlei Repräsentanz. Das waren vormoderne Feudalverhältnisse, bei denen politische und Verwaltungsrechte an die Grundherrschaft gebunden waren. Eine Besonderheit bestand darin, dass über den Kauf eines ritterschaftlichen Gutes auch Bürgerliche – häufig von außerhalb Mecklenburgs – in diese Feudalrechte eintreten konnten und vor dem Ersten Weltkrieg sogar die Mehrheit erlangten. So entwickelte sich hier ein ganz besonderes Arrangement von Feudalismus und Kapitalismus.

Die Arbeitszeiten auf dem Lande waren extrem, Körperstrafen verbreitet, die Wohnverhältnisse der Landarbeiter häufig miserabel. Das Besondere wiederum ist der hohe Selbstversorgungsgrad der Landarbeiter, der sich über alle historischen Brüche hinweg im Grunde bis 1990 hielt. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg begann ein technisch-ökonomischer Modernisierungsprozess durch wachsenden Einsatz von Landmaschinen mit Pferde- oder Dampfantrieb, aber auch schon ersten Beispielen von Elektrifizierung.

Die Novemberrevolution 1918 beseitigte die politischen Vorrechte der Grundherrschaft, brach mit Ständen und Großherzog und brachte einen enormen Schub an gewerkschaftlicher Organisierung der Landarbeiter. Die Auseinandersetzung um wachsende Ansprüche der Gutsarbeiter und die Rolle der Gutsbesitzer zwischen reaktionärem Herr-im-Hause-Denken und modernem Verteilungskonflikt durchzog die ländlichen Auseinandersetzungen in unterschiedlichen Ausprägungen von der Novemberrevolution bis zur Verjagung der Gutsbesitzer 1945/46.

Dabei zeigt Niemann, wie sich die Position der Landarbeiter im Laufe der Weimarer Republik – beginnend mit dem Kapp-Putsch 1920 – tendenziell verschlechterte. Umso bemerkenswerter ist, dass die NS-Bewegung zwar in Mecklenburg auf Gütern ihre Rückzugsräume genoss und doch sich nicht nur vor 1933, sondern abgeschwächt bis 1945 gegen eine als reaktionär titulierte Gutsherrschaft in Stellung brachte.

Während Güter schon seit dem Kaiserreich und dann dramatisch mit der Weltwirtschaftskrise seit Ende der 1920er Jahre in ökonomische Schwierigkeiten gerieten, erhielt die Aufsiedlung ihrer Flächen in der Weimarer Republik schon eine gewisse Bedeutung. Unter NS-Herrschaft wurde sie mit der Blut-und-Boden-Ideologie des deutschen Bauern als Keimzelle der Volksgemeinschaft kräftig forciert.

Im Unterschied zur Weimarer Zeit machte sich der NS an eine Neuordnung ländlicher Verhältnisse, die soziale Elemente mit staatlicher Lenkung im Sinne von Autarkie und ökonomischer Absicherung des Agrarsektors gegen Marktschwankungen verband. Das konnte sich aber nur wenige Jahre entwickeln, bis die Kriegsbedingungen ab 1939 einen Mangel- und Krisenmodus schufen, in dem von Menschen über Maschinen bis zu Tieren notverwaltet wurde.

Mit den Ausgebombten der Großstädte, den Flüchtlingen von der Ostfront und den Vertriebenen aus den verlorenen Reichsgebieten verdoppelte sich bei Kriegsende die Bevölkerung Mecklenburgs. Das führte zu einer unvorstellbaren sozialen Zerrüttung und täglichem Kampf um Nahrung, Obdach, Heizung und Kleidung. Die kommunistische Bodenreform im Bunde mit der sowjetischen Besatzung sollte durch Neuverteilung von Land und Produktionsmitteln einen gesellschaftlichen Neuanfang ermöglichen, führte tatsächlich aber zu einer Verschlechterung der Versorgungslage durch Aufteilung hoch effizienter Güter in Kleinbauern-Parzellen ohne Ställe und Vieh, ohne Saatgut und Maschinen, ja häufig ohne Obdach. Solche Neubauern-Wirtschaften tendierten bei dieser Knappheit zur bloßen Selbstversorgung. Die Ablieferungen zur Versorgung der Städte konnten häufig nur mit Zwang gesichert werden, der auch vor den Mitteln stalinistischen Terrors nicht zurückschreckte.

Der genossenschaftliche Zusammenschluss erschien als sinnvoller Ausweg aus der Misere der Neusiedler, konnte aber nur begrenzten Nutzen haben solange lediglich Habenichtse mitmachten. Um attraktiv zu werden, brauchten Genossenschaften allerdings Zugriff auf die Ressourcen der aus den Zeiten von Großherzogtum und NS überkommenen bäuerlichen Wirtschaften bis 100 Hektar Fläche (die anderen waren schon enteignet), die gut ohne Genossenschaft zurechtkamen. Das war der Beginn der Kollektivierung von oben, die sich mit Locken, Druck und Zwang von den 50er bis in die 60er Jahre hinzog.

Die sozialistische Landwirtschaft der 70er/80er Jahre wurde zu einer widersprüchlichen Mischung von Agrarindustrialisierungsbemühungen, Materialknappheit und Verschleißwirtschaft, von sozialistischem Planen, Naturalwirtschaft und staatlich subventioniertem privaten Freizeit-Unternehmertum mit sozialistischem Kultur-, Sport- und Unterhaltungsprogramm. Materiell betrachtet war das für viele Menschen auf dem Land wahrscheinlich das Beste, was man in dem Jahrhundert bis dahin erreichen konnte, und für nicht wenige besser als das, was danach kam.

Die Stärke von Niemanns Werk liegt darin, die Veränderungsprozesse gerade nicht so verdichtet und verkürzt darzustellen, wie ich sie hier wiedergebe. Niemanns Untersuchung ist stark chronistisch mit einem ungewöhnlich hohen Anteil an O-Tönen aus zeitgeschichtlichen Quellen komponiert. Hinzu kommen zahllose Aufstellungen zu Erträgen, Arbeitskräften, Tieren, Maschinen und so weiter. So entsteht ein differenziertes Bild von Licht und Schatten, Gewinn und Verlust.

Der Verzicht auf thesenhafte Verdichtung setzt einen mündigen Leser voraus, der sich einen eigenen Reim auf die Geschichte macht und über das Titelmotiv eines banalen “beständigen Wandels” hinausgeht. Die Stärke dieser Darstellungsweise liegt darin, dass der Autor nicht der Versuchung erliegt, alles über den einen Kamm seiner Interpretation zu scheren. Für jede Beobachtung gibt es auch das Gegenbeispiel. Der prügelnde Gutsherr steht neben dem fürsorglichen Patriarchen. Der darbende Tagelöhner neben dem selbst erarbeiteten kleinen Wohlstand. Die Plackerei der Ernte neben ausgelassenen Festen mit Freibier und Schnaps vom Gutsbesitzer. Das kultivierte Schlossleben neben dem Gutsbesitzer, der in seiner Verzweiflung mit der Kutsche die Landfrau aus ihrer Büdnerei holt, um durch “Bepüstern” sein krankes Kind zu kurieren. Der Landarbeiter, der von der Arbeitskräfteknappheit durch die Landflucht profitiert, neben dem Gutsherrn, der pleitegeht. NS-Agrarpolitik, die reinrassige Scholle romantisiert und wissenschaftlich-technische Umwälzung praktiziert. Die Nazis, die vergleichsweise goldene Jahre für die arische und loyale Landbevölkerung schaffen, und mit dem Krieg alles ruinieren. Die Zwangsarbeiter, die sich 1945 schützend vor ihren Gutsherrn stellen, den Sowjets erschießen wollen. Die Landarbeiter, die Scheu haben, ihrem Gutsherrn Bodenreformland abzunehmen, und die Menschen der Flüchtlingstrecks, die beherzt zugreifen. SED-Stimmen, die kein Problem mit Gewalt haben, und andere derselben Partei, die Verständnis für die Nöte der Betroffenen äußern. Und schließlich eine Bonner Politik, die ab 1990 die Rückkehr zum bäuerlichen Familienbetrieb propagiert, den die meisten Landbewohner gar nicht wollen – gefolgt von einem dramatischen Zusammenbruch der materiellen und kulturellen Infrastruktur der Dörfer. Es sind solche in zahlreichen ausführlichen Zitaten dokumentierten Widersprüche des realen Lebens und die Einblicke in zeittypische Not (mal bei Landarbeitern, mal bei den alten Eliten), welche die Lektüre immer wieder packend machen.

Versucht man, Niemanns eindrucksvolle Schilderung des beständigen Wandels in der Landwirtschaft unter einen Begriff zu bringen, scheint mir das Konzept der Neuen Ländlichkeit ein passender Interpretationsrahmen. Geschichtsschreibung bedeutet, Fragen von heute an die Vergangenheit zu richten, dabei Vergangenheit aus ihrer jeweiligen Zeit heraus zu verstehen und aus diesem Befund einen Sinn zu schöpfen, der in die Zukunft weist. So lässt sich die Entwicklung von den feudal-kapitalistischen Agrarverhältnissen der Großherzogtümer Mecklenburgs im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts bis zur Abwicklung der sozialistischen Landwirtschaft im letzten Jahrzehnt als Untergangsphase Alter Ländlichkeit begreifen.

Alte Ländlichkeit bedeutet dabei letztlich die Ausrichtung von Landschaft und Gesellschaft auf die Produktion landwirtschaftlicher Güter. Diese Produktion unterlag seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer Produktivkraft-Revolution, die sich immer mehr beschleunigte und nun in der Digitalisierung der Landwirtschaft – von der GPS-gestützten Flächenbearbeitung bis zur Automatisierung der Ställe – angekommen ist.

Parallel dazu veränderten sich nicht nur die politischen Herrschaftsformen vom feudalen Großherzogtum vor 1918 über die parlamentarische Republik Weimars, den faschistischen Führerstaat, die kommunistische Parteidiktatur bis zur neuen Berliner Republik. Ebenso parallel veränderten sich die ländlichen Produktionsverhältnisse vom feudalen Gutspatriarchat vor 1918 über ein von demokratischer Verfassung modifiziertes Gutspatriarchat in der Weimarer Republik, ein unter staatswirtschaftlich-antifeudalen Vorzeichen der NS-Jahre erodierendes Gutspatriarchat, die vollkommene Zerschlagung privater Gutswirtschaft unter den Bedingungen revolutionären Terrors in der Phase der “antifaschistisch-demokratischen Revolution” nach 1945 bis hin zur Zwangskollektivierung seit den 1950er Jahren und schließlich der Dekollektivierung unter politischem und ökonomischem Druck Anfang der 1990er Jahre. Am Ende steht eine neue investorengetriebene Gutswirtschaft des 21. Jahrhunderts ohne Gutsherren und fast ohne Landarbeiter – mit nur nach einem marginalen Rest an Bauern.

Für die Menschen auf dem Land war diese 100-jährige Untergangsphase Alter Ländlichkeit mit einem Auf und Ab an Einkommen und Lebensstandard, mit Änderungen sozialer Rollen, persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten und Freiheitsrechte verbunden – in je unterschiedlichen Ausprägungen nach sozialen Klassen.

Das Schicksalhafte (von der Wiege bis zur Bahre), das Gewalttätige (Herr-Knecht-Verhältnis) und die körperliche Schwere der Landarbeit bildeten sich – mit dramatischen Unterbrechungen – allmählich zurück. So sehr die DDR das Landleben revolutionierte, an der Grundtatsache Alter Ländlichkeit änderte sie nichts: die Ausrichtung von Landschaft und Gesellschaft auf das Ziel der Agrarproduktion. In gewisser Weise trieb Sie diese Verschmelzung sogar auf die Spitze, indem die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft zum Akteur umfassender Daseinsvorsorge wurde.

Es war die Zerschlagung der sozialistischen Landwirtschaft durch die aus dem Westen gesteuerte Privatisierungspolitik, die im Osten innerhalb von drei Jahren die ländliche Gesellschaft in einem Ausmaß deagrarisiert hat, das im Westen in 40 Jahren noch nicht erreicht worden war. Dörfer, die 1990 noch gänzlich von und für Landwirtschaft lebten, weisen heute nur noch eine Handvoll landwirtschaftlich Aktive auf.

Trotzdem sind die Dörfer nicht leer, wie manche prognostizierten, aber sie haben sich fundamental verändert. Erstmals in der Menschheitsgeschichte ist die überwältigende Mehrheit der Landbewohner nur noch Zuschauer und nicht mehr Beteiligter der Landwirtschaft. Das ist die Neue Ländlichkeit: postindustrielle und postagrarische Bewohner in einer Agrarlandschaft. Hinter diese Neue Ländlichkeit gibt es kein Zurück – es sei denn ein katastrophaler Zivilisationsbruch würde über uns kommen. Ab jetzt löst sich ländliche Geschichte von Landwirtschaftsgeschichte. Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft haben – durchaus mit Berührungspunkten – eine je eigene Zukunft. Das Bewusstsein dieser Geschichte kann helfen, diese Zukünfte besser zu gestalten. Die faktenreiche Rekonstruktion von Mario Niemann bietet dafür eine gute Basis.

Mario Niemann: Beständiger Wandel. Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Mecklenburg von 1900 bis 2000. Hinstorff Verlag Rostock, 2020, 800 Seiten, 35,-€

kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung. Autor von „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“

 

2 Gedanken zu „Das letzte Jahrhundert der alten Ländlichkeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.