Corona und die Neue Ländlichkeit

Dieser Versuch einer ersten Bestandsaufnahme und Perspektiventwicklung ist als Einladung zur Diskussion gedacht. Schreiben Sie uns Ihre Gedanken zum Thema. Teilen Sie Ihre Erfahrungen, Hoffnungen und Befürchtungen zu Corona und Landleben mit uns!

 

„Das ländliche Leben ist ein Gewinner der Corona-Krise“ diagnostiziert der Berliner Zukunftsforscher Daniel Dettling im SVZ-Interview vom 8./9.8. 20. Nun soll man den Tag nicht vor dem Abend loben. Allerdings können wir nach einem halben Jahr Corona-Pandemie festhalten, dass bisher kein anderes Bundesland so gut durch die Krise gekommen ist – jedenfalls was Infektionen und Todesopfer angeht.

Mit dem Stand 5. September registriert der weltweite Corona Monitor der amerikanischen Johns Hopkins University pro 100.000 Einwohner in MV 63 Infizierte und nur einen Todesfall. Das ist ein Spitzenergebnis noch vor Sachsen-Anhalt mit 101 Infizierten/3 Toten, Berlin mit 330 Infizierten/6 Toten, Hamburg mit 363 Infizierten/15 Toten und am schlimmsten Bayern mit 459 Infizierten/21 Toten. Auch im Vergleich mit anderen europäischen Nationen bietet MV die besten Werte. Jedenfalls bisher.

Noch gibt es keine wissenschaftlich schlüssigen Antworten, warum manche Teile der Welt extrem unter Infektionen und/oder tödlich verlaufenden Erkrankungen leiden, andere weniger oder kaum. Für MV liegt die Vermutung nahe, dass die geringe Integration des Landes in globalen Austausch und unsere ländlichen Strukturen mit dünner Besiedlung eine wichtige Rolle spielen. Was auf der einen Seite Armut begründet, scheint sich in der Pandemie als stabilisierender Faktor zu erweisen.

Karten werden neu gemischt

Mit der Krise werden die Karten im Spiel um Wohlstand und Zukunftsaussichten neu gemischt. Die FAZ vom 20.7.20 konstatiert: „Spätestens seit Corona ist klar: Landwirtschaft ist systemrelevant.“ So ist das Agrarland MV ungeachtet mancher Corona- und Witterungsprobleme passabel durch die Krise gekommen. Das Schiffsbauland steht vor dem Kollaps: Die kurze Blüte der Kreuzfahrtschiffe erscheint mittlerweile als Zwischenstopp im langfristigen Niedergang der Branche.

Das Tourismusland ist gebeutelt, kann aber hoffen. Der Zusammenbruch des internationalen Tourismus beschert MV Gäste aus Deutschland und begrenzt so zumindest die Verluste. Was in der Vergangenheit als Schwächen des MV-Tourismus galt – relativ wenig Auslandsgäste, wenig Städtereisen, wenig Geschäfts-, Messe- und Tagungsbesucher – erweist sich nun als geringere Verletzlichkeit. Gravierend dürfte bei vielen Schlosshotels allerdings das Fehlen von Hochzeits- und Familienfeiern sein. Dramatisch ist wie überall auch der nahezu komplette Ausfall des Kultur- und Event-Geschäfts von den Festspielen und Festivals über Sportliches wie Segeln und Reiten bis zu Ausstellungen, Konzerten oder Märkten.

Welchen Einfluss die Pandemie letztlich auf die Wirtschaft des Landes, auf Insolvenzen und Arbeitslosigkeit hat, ist noch nicht absehbar. Der politische Versuch, das ökonomische Desaster der Pandemie mit astronomischen Schulden zu überbrücken, ist ein nie dagewesenes global-gesellschaftliches Großexperiment, dessen Ausgang gänzlich ungewiss ist. Ob MV dabei im Vergleich zu anderen Regionen besser oder schlechter wegkommt, wird sich zeigen.

Was sich aber bereits jetzt abzeichnet, ist eine neue hoffnungsvolle Konstellation für MV als „Land zum Leben“, wie die Kernbotschaft des Landes seit 2015 lautet. Das gilt besonders für das ländliche Binnenland.

Sprach man vor der Pandemie mit Skeptikern des Landlebens, so hieß es meist:
• für Kinder und Jugendliche untauglich wegen weiter Wege zu Bildungseinrichtungen
• für Erwerbstätige ungeeignet wegen fehlender Arbeitsplatz-Auswahl
• für Senioren fatal wegen fehlender Betreuungsangebote
• politisch suspekt wegen „braunem Bullerbü“
• ökologisch problematisch wegen zu hohen Ressourcenverbrauchs gegenüber Stadtleben.

Bis auf das politische Verdächtige der Ländlichkeit erscheinen all diese Einwände angesichts der Pandemie-Erfahrung in neuem Licht. Was macht gerade das ländliche MV angesichts der Pandemie attraktiv?

Stärke der kleinen Kreise

Geringe Bevölkerungsdichte galt bisher in der Politik als Strukturschwäche. Distanzgebote stellen bisherige Präferenzen auf den Kopf. Die Corona-Pandemie lehrt uns, was schon immer galt: Das Infektionsrisiko steigt mit der Größe der Population und der Intensität des Austauschs innerhalb der Population. Deshalb all die Kontakt- und Reisesperren. Wir erleben das Paradox, dass totale Globalisierung in totale Abschottung mündet. Die Selbstisolation werden wir hoffentlich bald abmildern können. Aber die Überzeugung „wo die meisten sind, ist es am besten“ hat einen Knacks bekommen.

Kleine Kreise, Dörfer und Nachbarschaften bieten mehr Sicherheit als die großen der Metropolen und des Massenwohnens. Dünner besiedelte ländliche Räume zu erhalten und attraktiv zu machen, ist kein Almosen für Abgehängte, sondern im vitalen Interesse der gesamten Gesellschaft.

„Bleibe zu Hause…“

Wir sind und bleiben eine mobile Gesellschaft, geographisch wie sozial. Aber die Neugier des Fernreisens bekommt einen Dämpfer. Das Welterkunden war auch vor Corona gesundheitlich in vieler Hinsicht riskant und bei allem Gewinn an Erfahrungen nicht unbedingt erholsam. Auch vor Corona galt: Wenn jeder Mensch meint, auch nur eine repräsentative Auswahl von Kulturen, Landschaften, Weltmeeren und Klimazonen selbst in Augenschein nehmen zu müssen, bricht unser Ökosystem zusammen.

Den Nahbereich zu erkunden, sich dem Abenteuer einheimischer Natur und der Selbstverwirklichung im Garten auszusetzen, ist anders, aber nicht weniger bereichernd als die Kreuzfahrt oder der Flug an den Sonnenstrand. Das im doppelten Sinne grenzenlose Reisebedürfnis deutet nicht zuletzt auf gesellschaftliche Sinnleere und urbane Wohnöde, die auch bei einem Maximum an Komfort wenig Selbstentfaltung und Erfahrungsräume bieten.

Birgit Ochs beobachtet als Pandemie-Folge in der Großstadt: „Fast schon überstrapaziert sind dagegen die Freiflächen. Zu den negativen Folgen gehören die vermüllten Gehwege, Plätze und Parks. Man kann den Abfall als Ausdruck von allem Möglichen sehen: der To-go-Kultur, die sich in Zeiten von Covid-19 noch verstärkt hat, Bequemlichkeit und Rücksichtslosigkeit, mangelndem Verantwortungsgefühl der Großstadtbewohner wie -besucher. Zum beschworenen urbanen Lebensgefühl passt er nicht. Ebenso wenig wie die aggressive Stimmung, die sich zunehmend breit macht.“ (FAZ, 5.9.20). Kein Wunder, dass Kleingärten gesucht sind wie lange nicht.

Mecklenburg-Vorpommern gewinnt so als „Garten der Metropolen“ neue Attraktivität sowohl im Tourismus wie als Zweit- oder Erstwohnsitz. Politik muss das mit Verbesserung der Rahmenbedingungen begleiten, gerade auch in der Bewertung von Zweitwohnsitzen, die besonders im Binnenland eine wichtige stabilisierende Funktion haben. Die „Zweiheimischen“ haben mit ihrem Rausschmiss während des Lockdown bittere Erfahrungen gemacht, die dringend geheilt werden müssen.

Heimarbeit 2.0

Der ländliche Raum hat in den letzten Jahrzehnten einen riesigen Arbeitsplatzverlust in der Landwirtschaft zu verzeichnen. Auch bei den gewerblichen und Büroarbeitsplätzen ging es in Ostdeutschland weithin bergab. Stattdessen mussten Arbeitnehmer pendeln. Durch das Internet wurde der ländliche Raum immerhin attraktiv für Freiberufler und Selbständige, die sich ihre Kunden woanders suchen konnten.

Die Pandemie hat gezeigt, in welch großem Umfang auch Angestellten-Arbeit in das Homeoffice verlagert werden kann. Damit ergeben sich völlig neue Chancen für das Erwerbsleben auf dem Lande. Dabei ist für Familien mit Kindern Heimarbeit auf dem Lande viel attraktiver als in einer städtischen Wohnung, denn bei entsprechendem eigenen Grundstück und in der Dorfgemeinschaft der Kinder kann sich der Nachwuchs ohne große Gefahren und elterliche Animationsprogramme draußen tummeln. Unbedingte Voraussetzung ist der zügige Ausbau der ländlichen Kommunikationsnetze Breitband, Glasfaser, Mobilfunk.

Für Viktor Weber vom Future Real Estate Institute ergibt sich eine „simple Gleichung“: „Günstiges Eigenheim in Kombination mit Remote Work (Arbeit auch außerhalb des angestammten Büros) führt zu weniger Schulden, besserer finanzieller Planungssicherheit, mehr Unabhängigkeit und vermutlich auch weniger Stress. Ländliche Regionen und kleinere Städte könnten somit zur Option für viele Erwerbstätige werden, die bis dato nur in den Wirtschaftszentren Deutschlands passende Arbeitgeber gefunden haben.“ (FAZ, 12.6. 20)

Ein gesetzliches Recht auf Heimarbeit, wie es der Arbeitsminister anstrebt, wäre ein wichtiger Schritt. Es hat sich aber auch gezeigt, dass Heimarbeit viele Anforderungen an Selbstorganisation, Selbstmotivation, Abgrenzung des privaten und beruflichen Bereichs und arbeitsrechtliche Anpassungen stellt. Unternehmen können gewinnen mit der Einsparung an Betriebsräumen, der Verkehr kann entlastet und Emissionen können reduziert werden. Auch für Betriebsräte und Gewerkschaften entstehen Herausforderungen, Arbeitnehmerrechte unter diesen neuen Bedingungen zu sichern.

Wir haben einen langen Prozess vor uns, der mit dem Arbeitsleben auch Landleben fundamental verändern wird, wenn der politische Wille formuliert wird.

Amazon als Stadt-Land-Faktor

Die Verfügbarkeit von Waren aller Art markiert seit jeher ein entscheidendes Defizit von Land gegenüber Stadt. Städte waren Orte zuerst der Märkte, dann der Kaufhäuser und Fachgeschäfte, schließlich der Filialen internationaler Ketten. Gab es auf dem Dorf früher bescheidene Strukturen von Einzelhandel, sind diese in den letzten Jahrzehnten durch Discounter und Supermärkte verdrängt worden. Wie auch der großstädtische Einzelhandel immer mehr Geschäfte an die Shopping Malls der Peripherie verloren hat.

Die Städte versuchten sich mit immer mehr Eventisierung gegen den Bedeutungsverlust der City zu stemmen und vergraulten gleichzeitig mit ihrer Verkehrspolitik das Einkaufspublikum vom Lande. Schon vor der Pandemie wurde klar, dass keine noch so tolle Einkaufsmeile mit der Auswahl, dem Preisvergleich und der Qualitätstransparenz des Onlinehandels und besonders der einen amerikanisch-globalen Plattform mithalten kann.

Viele Menschen wollten dennoch lieber Ware vor dem Verkauf anfassen und glaubten an die wirtschaftsethische Höherwertigkeit von stationärem Handel. Lockdown, Maskierung und Infektionsrisiko haben dem Onlinehandel nun einen Schub gebracht, der nicht wieder korrigierbar sein dürfte. Das deutlichste Indiz: nicht zuletzt in MV haben gleich mehrere regionale Online-Plattformen versucht, das Liefergeschäft für lokalen Einzelhandel anzukurbeln. Ob diese neuen kleinen Plattformen erfolgreich sind oder (wahrscheinlich) nicht, das Ignorieren des Online-Geschäfts können sich künftig weder Käufer noch Verkäufer leisten. Das ist bitter für die Menschen, deren Existenz am stationären Handel hängt.

Die politische Herausforderung wächst, insbesondere Amazon zu fairen Bedingungen für Mitarbeiter und Verkäufer, zu angemessener Steuerzahlung und zu einer gesellschaftlich kontrollierten Nutzung der Datenströme zu zwingen. Ob das in der jetzigen privatkapitalistischen Unternehmensstruktur funktioniert, muss sich zeigen.

Das Verhältnis von Stadt und Land wird durch den Onlinehandel gleich zweifach revolutioniert. Erstens wird das denkbar größte Warenangebot bei Internetzugang ohne jeden Extraaufwand in der abgelegensten Einöde verfügbar. Das wertet dörfliches Wohnen enorm auf. Zweitens verliert die Stadt damit eine wesentliche Zentralfunktion.

Der Architektur- und Städtebau-Experten Niklas Maak hat das gerade unter dem Titel „Die Läden dicht und alle Fragen offen“ in der FAZ vom 29.8.20 durchgespielt. Er fragt:
„Was aber soll eine Stadt sein, in der es immer weniger Büros und kaum noch Läden gibt, und in der vermehrt Netflix geschaut statt ins Kino gegangen wird und alles online geordert wird?“ Die bisher dominierende Idee des urbanen Erlebnisraums, „in den die Leute aus der Vorstadt oder vom Land anreisen, um dort etwas zu erleben… als Mischung von Shopping, Koffeinzufuhr und (gewissermaßen als sinngebender Ablass für die hohlen Konsumtätigkeiten) ein wenig hochwertigem Kunstgenuss“ sieht er kollabieren.

Auch die Proklamierung der Stadt als Ort der Begegnungen, „die in den Planungsabteilungen schon für freudiges Händeklatschen sorgt“, erscheint Maak hohl: „Wer soll denn in der Innenstadt wem ‚begegnen‘ und warum und was machen die dann?“ Da hilft auch die städtebauliche Förderung von Stadtquartieren in sogenannten Villages nichts. In der Krise des Einzelhandels sieht Maak die Chance, dass sich „Städte in eine grundlegend neue Richtung entwickeln“ – jenseits ökologisch und smart aufgerüschter Investoren-Assets.

So oder so: Für die Neue Ländlichkeit liegen gerade mit den Pandemie-Erfahrungen die Vorteile auf der Hand, während das bisherige Geschäftsmodell der Stadt einer Krise entgegen geht.

Von überflüssigen Krankenhäusern

Landarztmangel und das Verschwinden der Krankenhäuser aus der ländlichen Fläche gehören bisher zu den Nachteilen des Landlebens. Corona hat gezeigt, wie schnell sich die heilige Kuh des persönlichen Erscheinens in der Arztpraxis schlachten lässt. Plötzlich war Krankschreibung per Anruf möglich und die verteufelte Ferndiagnose erwies sich von Fall zu Fall als durchaus möglich und sinnvoll. Entsprechende Software für Telemedizin erlebt einen Aufschwung.

Noch im Juli 2019 hatte die Bertelsmann-Stiftung gefordert: „In Deutschland gibt es zu viele Krankenhäuser. Eine starke Verringerung der Klinikanzahl, von aktuell knapp 1.400 auf deutlich unter 600 Häuser, würde die Qualität der Versorgung für Patienten verbessern und bestehende Engpässe bei Ärzten und Pflegepersonal mildern.“ Wo die Krankenhäuser verschwinden sollten, wissen wir in MV z. B. aus Anklam, Parchim und Crivitz. Das Argument lautete, größere zentrale Krankenhäuser könnten dann mit mehr Erfahrung bessere Qualität liefern. Übersehen wurde dabei, dass die wohnortnahe Versorgung auch ein Qualitätselement ist, man denke nur an die Geburtenstationen oder die Kinderklinik. Tatsächlich ging es immer zumindest auch um die Profite der Krankenhauskonzerne, die bei größeren Einheiten und weniger Leerkapazitäten besser sprudeln. Der Asklepios-Konzern hat gerade einen Gewinn von 172 Mio Euro (nach Steuern!) für 2019 mitgeteilt.

Die Bedeutung dieser freien Kapazitäten ist in der Pandemie deutlich geworden: plötzlich konnten es gar nicht genug sein. Der Druck der Konzerne, ländliche Krankenhäuser zu schließen, wird sicher wieder lauter werden. Aber wir sind gewarnt und können uns besser wehren.

Uns in MV kann dabei die im Frühjahr eingerichtete Enquete-Kommission des Landtags zur Zukunft der medizinischen Versorgung in MV helfen. Für Julian Barlen, den SPD-Obmann in der Kommission, geht es darum, „sowohl Spitzenmedizin als auch Grundversorgung in der Fläche zu vereinen“.

Individualverkehr als Infektionsschutz

Der ÖPNV gehört zu den Pandemie -Verlierern. Nicht nur Fluglinien, auch Bus und Bahn leiden unter dramatischen Passagier-Verlusten und entsprechenden ökonomischen Problemen. Die Betreiber mögen das Problem kleinreden, doch schon vor Corona wusste jeder, dass öffentliche Verkehrsmittel – zumal überfüllte – Ansteckungsherde für Erkältungskrankheiten und Grippe sind.

Einige Städte haben das verringerte Verkehrsaufkommen des Lockdown für improvisierte Popup-Radwege genutzt. So geht es mit den Worten der FAZ um „ein Duell zwischen dem Fahrrad und dem Auto als aufstrebende Verkehrsmittel“: Nach einer Forsa-Umfrage von Anfang August wollen 35% der Befragten im nächsten halben Jahr häufiger mit dem Rad fahren, während 21% verstärkt das Auto einsetzen wollen. Dabei präferiert die Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen das Auto gegenüber dem Fahrrad (FAZ, 18.8.20). „Fridays“ lassen grüßen!

Während Radfahren innerstädtisch hochgradig sinnvoll erscheint, sind Alltagsdistanzen z.B mit Einkäufen im ländlichen MV oder der Besuch in Großstädten damit nicht zu bewerkstelligen. So bleibt es dabei, dass – bei aller berechtigten Forderung nach mehr Busverbindungen auf dem Dorf – das Auto für die meisten Landbewohner unverzichtbar ist. Mit oder ohne E-Autos, mit ausreichender Ladeinfrastruktur oder ohne, wird das auf absehbare Zeit klimaneutral nicht möglich sein, wenn wir neuesten Analysen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft glauben dürfen.

Nach Corona scheint es für autofahrende Landbewohner jedenfalls eine höhere gesellschaftliche Akzeptanz als vorher zu geben.

Schulgebäudepflicht?

Viele Menschen träumen von einem Familienleben mit Kindern auf dem Land. Dagegen sprechen bisher die häufig langen Arbeitswege der Eltern und die langen Schulwege der Kinder. Das wurde bisher als Sachzwang nicht weiter hinterfragt.

Die Pandemie hat das Bildungswesen gezwungen, quasi über Nacht von der traditionellen Beschulung auf Fernunterricht umzuschalten. Das hat angesichts fehlender pädagogischer und didaktischer Konzepte, mangelhafter technischer Ausstattung von Schulen und Elternhäusern und teilweise unzureichender Netze mehr schlecht als recht funktioniert. Besorgniserregend ist nicht zuletzt die Corona-Gap zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Elternhäusern. Letztere sind meist nicht nur technisch und räumlich schlechter versorgt, sondern auch weniger in der Lage, das Selbstlernen der Kinder zu unterstützen.

Die Pandemie wurde zu einem Großversuch, der mit seinen Defiziten auch die Möglichkeiten aufzeigt, Schulbildung für den ländlichen Raum neu zu denken. Es geht um die Abkehr von einer zentralen, aus der Fabriktradition kommenden, Großschule mit starrem Zeitrahmen hin zu einem für die Kinder jeweils passenden Mix von Online-Unterricht und Selbstlerneinheiten zu Hause, pädagogisch betreuter Gruppenarbeit im dörflichen Nahbereich und Lerneinheiten, die für ihren Erfolg Ausstattung und Strukturen große Schulen benötigen.

„Schulpflicht oder Schulgebäudepflicht?“ hat Richard Heinen, Vizepräsident der Stiftung Jugend und Bildung im August 2020 zur Debatte gestellt: „Die Schulgebäude waren in großen Teilen Deutschlands bis zu den Sommerferien geschlossen. Eine Schulpflicht gab es dennoch. Nun dürfen die Schulgebäude wieder öffnen, und dennoch sollten wir uns die Frage stellen: Möchten wir mit der Öffnung der Schulgebäude auch, dass sich der Unterricht wieder nahezu ausschließlich in den Schulgebäuden abspielt, oder haben wir in der Zeit der Schulgebäude-Schließungen nicht gelernt, dass es auch anders geht? Sollte Unterricht nicht generell viel hybrider und offen für neue Formate sein?“

Laut Richard Heinen sollte der Lernort zukünftig nicht mehr derart entscheidend sein. Vielmehr sollte Unterricht so digital gestaltet sein, dass ein Umschwenken auf Distanzlernen bruchlos möglich ist. Dafür müsse Schule als Team gestaltet werden; mit offenen Formaten für selbstregulierendes Lernen und einem Verständnis der Lehrkraft als Lernbegleitung. Das Lernmaterial der Zukunft wird nach Einschätzung von Richard Heinen zukünftig nicht linear, sondern eher in Form eines „Baukasten“-Prinzips gestaltet werden. Es ist differenzierter und themenorientiert angelegt und fördert entdeckendes sowie produktives Lernen. Schülerinnen und Schüler sollen interessengeleitet und selbstgesteuert mit Lernmaterialien arbeiten können. (nach „Neustart nach Corona: aktuelle Trends in Schule und Bildung“ https://www.lehrer-online.de/blog-digitale-schule)

Gerade für die Schule gilt: Die für den ländlichen Raum schlechte Normalität der Vergangenheit kann nicht das Ziel für die postkoronare Zeit sein. Schule und Bildung auf dem Land müssen die Erfahrungen der Pandemie verarbeiten und sich neu erfinden. Dazu gehören kürzere Wege, gestaffelte persönliche Präsenzen, gute Ausstattung an beiden Enden des Lernprozesses, individualisierter Lernfortschritt je nach Fähigkeiten und Interessen und Unterstützung bei sozial oder psychisch wie physisch benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Manche dieser Herausforderungen stellen sich auch in der Stadt, aber am dringlichsten sind sie dort, wo Schule nur im Schulbus-Takt zu erreichen und zu verlassen ist.

Das Land als Alterssitz

Anhänger des Landlebens waren sich häufig einig in der Einschätzung, dass Senioren besser in der Stadt aufgehoben sind. Das dichtere Netz von Einkaufsmöglichkeiten, ärztlicher Versorgung, Seniorentreffs, Pflegediensten und Heimen schien eindeutig für die Stadt zu sprechen.

Tatsächlich galt auch bisher schon: Für gelingendes Altern sind Finanz- und Bildungsressourcen und natürlich die persönlichen Neigungen der einzelnen Senioren wichtiger als die bloße Wohnortfrage. Wer sich souverän in der digitalen Welt bewegen kann, wer im eigenen Haus Lebensprojekte verwirklichen möchte, sich bei Bedarf Hilfe in Haus und Garten, in der Pflege und für die persönliche Mobilität leisten kann, hat mit dem Landleben so wenig Probleme wie mit der Stadt. Fehlen diese Ressourcen, bleiben nur zweitklassige Optionen.

Eine Pandemie-Erfahrung, die nachhaltig sein dürfte, ist der Lockdown von Seniorenheim. Dass die Pflegeeinrichtung zum Gefängnis werden könnte, sogar ohne die für Straftäter üblichen Besuchs- und Freigang-Rechte, hätte sich wohl kein Insasse vorstellen können. Vor Corona war zu beobachten, das nicht zuletzt gut situierte Senioren es für besonders weise hielten, sich rechtzeitig ohne Not in eine Senioreneinrichtung einzumieten oder einzukaufen, während andere partout darauf bestanden, in den eigenen vier Wänden zu bleiben. Wer dieser zweiten Fraktion angehört, wurde in der Pandemie für den möglichen Komfortnachteil gegenüber einem scheinbaren Rundum-Sorglos-Paket mit Freiheit und Selbstbestimmung reichlich belohnt.

Auf dem Lande, wo viel mehr Menschen als in der Stadt ein Haus mit eigenem Grundstück besitzen, kann man etwaigen Aufenthaltsbeschränkungen im Freien gelassener entgegensehen als in der Etagenwohnung. Und wer im Alter auf das Auto zugunsten eines gut funktionierenden städtischen Nahverkehrs verzichtet hatte, fand sich plötzlich einem besonderen Infektionsrisiko ausgesetzt.

Gemäß einer aktuellen YouGov-Umfrage wünschen sich mit 26% die relativ meisten Befragten einen Alterssitz in ländlicher Umgebung. 22% möchten in der Kleinstadt leben und jeder vierte Bewohner eines Stadtstaats möchte das Alter lieber auf dem Lande verbringen.

Die öffentliche Propaganda, nach der Senioren grundsätzlich besser in der Stadt als auf dem Lande leben sollten, ist fehl am Platze. Stattdessen sollten mehr Programme aufgelegt werden, um Pflegedienste und medizinische Versorgung für Senioren auf dem Land zu verbessern. Und gerade für diejenigen, die sich Internet und Mobilität aus finanziellen oder Kompetenzgründen nicht leisten können, sind Hilfen dringend erforderlich.

Neue Politik fürs Land

Als „selbstgewähltes Gefängnis“ hat Rem Koolhaas die Stadt bezeichnet. Diesem Verdikt des niederländischen Architektur-Guru, der gerade mit seiner Ausstellung „Countryside“ weltweit Aufmerksamkeit erfährt, muss man nicht folgen. Aber sein Rat, das Land als „Platz zum Überleben“ zu entdecken, ist ernst zu nehmen.

Selbst die Partei der Grünen, die mit dem realen Landleben traditionell eher fremdelt, hat interessante neue Ansätze entwickelt. In einem grünen Bundestagsantrag vom 30.06.2020 heißt es:

„Ländliche Räume haben vielerorts Probleme mit dem Wegzug gerade junger Menschen. Oft spielen Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle. Die Gruppe, die sich in Deutschland am meisten bewegt, sind die 18-29-jährigen. Sie gehen meist für Studium oder Ausbildung in die Städte und viele kommen nicht zurück. Es gibt aber auch Gegenbewegungen. Ältere Menschen ziehen zum Teil wieder aufs Land und Familien weichen finanziell bedingt auf ländliche Regionen aus, weil sie sich in der Stadt die Mieten für Wohnungen oder Häuser in angemessener Größe nicht leisten können. In der Gruppe der über 30-jährigen Deutschen ziehen im Schnitt mehr Menschen aufs Land als in die Stadt, so eine Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung. (Quelle: https://www.rwi-essen.de/publikationen/ruhr-economic-papers/1022/) Gerade in der Coronakrise ist außerdem das Bewusstsein für gesunde Lebensformen gestiegen und damit werden ländliche Räume als Lebensraum als attraktiver wahrgenommen.“

Konkret werden in dem Antrag folgende Maßnahmen vorgeschlagen:
„1. Projekte zu fördern, die Probewohnen auf dem Land anbieten und mit nachhaltigen Beratungsangeboten für längerfristige Wohnmöglichkeiten verbunden werden.
2. Einen Schwerpunkt auf die Reaktivierung von Ortskernen zu Wohnzwecken durch den Einbezug von bereits bestehender Infrastruktur, z.B. durch eine finanzielle Förderung bei Reaktivierung alter Gebäude in Ortskernen, zu setzen.
3. Dabei die inklusive (Um-)Gestaltung von Wohnraum und Infrastrukturen zu fördern, um für alle Menschen lebenswerte Dörfer zu schaffen.
4. Digitales Arbeiten auf dem Land mit einzubeziehen, durch die Förderung von Co-Working Projekten, die umfassende Konzepte als sozialer Anlaufpunkt beinhalten und temporäres Wohnen mit einschließen.
5. Gemeinschaftliche und genossenschaftliche Wohnformen, die in der Lage sind, größere Gebäudekomplexe in Stand zu setzen und zu nutzen, gezielt zu fördern.
6. Auch Projekte zu fördern, die über Möglichkeiten für Wohnen auf dem Land informieren.“

Neue Ländlichkeit hat ihren Ausgangspunkt in den Bedürfnissen und Vorlieben der dort lebenden bzw. dorthin ziehenden Menschen. Sie ist kein Projekt von oben. Aber ein grassroots-Ansatz bedeutet nicht, den Staat aus der Verantwortung zu entlassen. Dabei geht es mit den Worten von Heribert Prantl („Stadt, Land, Kuss“, Süddeutsche Zeitung 7./8.3.20) nicht zuletzt um „eine Steuerpolitik, die das tut, was der Name sagt: steuern – und auf diese Weise Wirtschaftskraft aus den Ballungsräumen in die Provinz schiebt. Aus der Provinz muss wieder ein Lebensraum werden, der andere Qualitäten hat als München, Hamburg, Berlin oder Stuttgart – aber anziehende Qualität.“

 

Kontakt: kontakt@dr-wolf-schmidt.de

Autor Dr. Wolf Schmidt ist Sprecher des Landesnetzes der Stiftungen in MV und leitet die „Initiative Neue Ländlichkeit” in der Mecklenburger AnStiftung. Autor von „Luxus Landleben – Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs“

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