Heimat MV? Befunde und Herausforderungen

Vortrag bei der Sommerveranstaltung der „Landschaft Mecklenburg-Vorpommern e.V.“ am 27. September 2026 auf Gut Booth in Renzow

Zum Nachtisch das Thema Heimat. Vorsicht, das kann Bauchschmerzen bereiten …

Heimat reimt sich auf Kitsch, auf rechts und rückständig. Gefühlsgedöns für die Abgehängten der Globalisierung. Aber nicht nur. Sie alle kennen den Goldstandard von Bundesland-Heimat:

„Gott mit dir, du Land der Bayern“, heißt es in der verfassungsoffiziellen Bayernhymne. Eine Heimatbesoffenheit, die seltsamerweise Hunderttausende aus der ganzen Welt gerade auf die Münchner Wiesn lockt.

Wir haben einen Verwandten, nennen wir ihn Rudolf. Geboren von einer Mecklenburgerin, aufgewachsen auf Rügen, ein Schuljahr in den USA, Studium in Berlin und Göteborg. Dann zieht er nach Bayern. Plötzlich bekommen wir ein Foto, das die Einschulung des Erstgeborenen zeigt und wir sind geschockt. Denn wir sehen unseren Rüganer im Trachtenjanker. Warum? Weil man das dort eben so macht. Ließe sich der Fall umdrehen: Rudolf aus Oberbayern kommt nach Rügen und zieht sich – ja was eigentlich – an? Eine Fischerbluse? Und wenn er bei uns die Landeshymne singen möchte – welche eigentlich?

Ein Land, das sich eine Heimat-Partei leistet – zeitgeschichtlich sogar zwei: die CSU und die BayernPartei. Diese Bayern-Heimat erscheint erstaunlich monolithisch. Bei näherem Hinsehen ist das Land durchaus von andauernden Stammesrivalitäten geprägt – zwischen den katholischen Altbayern mit ihrem Wittelsbacher-Kult, dem protestantischen, ehemals preußischen Landesteil Frankens und dem alemannischen Oberschwaben.

Zurück zum Feiern. Das ist ein Booster fürs Heimatgefühl. Der Kölner Karneval ist so ein Ereignis. Er macht aus allen Bewohnern Kölsche Jecken, unabhängig von der Herkunft. Natürlich nur wenn man sich auf das tolle Treiben einlässt.

Was verbindet Trachtenjanker und Karneval? Heimat in ihrer stärksten Ausprägung zeigt sich in identitätsstiftenden Ritualen, die in Fleisch und Blut übergehen. Haben wir sowas in MV? Ich bin skeptisch.

Lassen Sie mich nach dieser Einstimmung über drei Dimensionen von Heimat bei uns sprechen: das Territorium, die Bewohnerschaft und die politische Gestaltung.

Zuerst das Territorium. MV war eine sowjetische Idee – so ein Land hat es vorher nie gegeben. Die Neuländer MV und NRW, aber auch Niedersachsen, verbindet, dass es um die Resteverwertung des Viel-Stämme-Staates Preußen ging. In Preußen waren Rheinländer und Westfalen, Ostfriesen, Schlesier und Ostpreußen, Pommern und viele andere nur durch einen König und seinen Staat, später auch ein Parlament, verbunden. Von einer gemeinsamen Heimat konnte keine Rede sein.

Die Sowjets schufen am 9. Juli 1945 erstmals das Land Mecklenburg-Vorpommern. Briefmarkensammler kennen noch dessen Briefmarken. Ein kurzes Vergnügen. Schon am 1. März 1947 teilte der Schweriner Ministerpräsident Höcker offiziell mit: Die Sowjetische Militäradministration habe darauf hingewiesen, die Landesregierung dürfe ihr Territorium nicht Mecklenburg-Vorpommern, sondern lediglich Mecklenburg nennen.

Ein Gebiet, das in der Moderne schwedisch und preußisch beherrscht war, wurde nun schlicht Mecklenburg einverleibt. Und während landsmannschaftliche Folklore der Provinzen den preußischen Herren herzlich egal war – sogar beim antipreußischen Karneval – , wurden die pommerschen Heimatinszenierungen bei der Schweriner Obrigkeit von sowjetischen Gnaden zum Tabu.

Es sollte möglichst nichts erinnern an Pommern, an das deutsch besiedelte Land am Meer mit dem slawischen Namen po more (am Meer). Ein Land, das Polen 1945 nicht als Reparation für Nazi-Unrecht, sondern als historisch Eigenes nahm. Polen, das 1945 die größten Gebietsgewinne aus der deutschen Konkursmasse verbuchen konnte, glaubt deshalb bis heute, dass es nie für die deutsche Besatzung entschädigt worden ist.

Das Amputat Vorpommern ohne seine Hauptstadt Stettin wurde nun von Schwerin aus regiert. Eine Ironie der Geschichte. War doch Mecklenburg mit seiner fast 1000-jährigen Tradition der einzige Flächenstaat weit und breit, den sich das gefräßige Preußen bis zur Reichsgründung 1871 nicht einverleibt hatte. Der Preis dafür war, dass die beiden Mecklenburg-Herzoghäuser nach der Pfeife Preußens zu tanzen hatten. Nun wurde der Spieß umgedreht: Der Rest einer preußischen Provinz wurde mecklenburgisch.

1952 war auch mit Mecklenburg Schluss. Die DDR löste ihre Länder auf und bildete Bezirke. Statt Mecklenburg gab es nun den Bezirk Rostock, der die gesamte Ostseeküste umfasste, den Bezirk Neubrandenburg und den Bezirk Schwerin inklusive der brandenburgischen Westprignitz und des Stadtkreises Wittenberge sowie des hannoverschen Amtes Neuhaus. Was früher Vorpommern war, gehörte nun zu Rostock und Neubrandenburg. An Pommern erinnerte noch die Pommersche Landeskirche. Die musste sich 1968 endlich umbenennen in Evangelische Landeskirche Greifswald.

Wie sehr Mecklenburg und Pommern emotional weiterlebten, zeigte sich 1989. Zu den ersten Devotionalien der friedlichen Revolution gehörten die Flaggen und Zeichen der abgeschafften Länder. Schaut man genauer hin, zeigt sich allerdings, dass schon die DDR-Führung in den achtziger Jahren die landesgeschichtlichen Wurzeln wieder etwas pflegte. Angesichts der Ausreisebewegung musste sie sich die mangelnde Bindungskraft des sozialistischen Vaterlands DDR eingestehen.

Mit der Wiedervereinigung 1990 wurde der sowjetische Landeszuschnitt MV reaktiviert. Keineswegs selbstverständlich. In Vorpommern gab es durchaus andere Ideen. Noch 2011 wurde die Zerstörung der historischen Grenzen Vorpommerns mit den jetzigen Großkreisen ein Stück weit fortgesetzt. Das hat einige Verbitterung erzeugt.

Jetzt mag man sagen, das ist doch alles Schnee von gestern. Das haben die Leute längst vergessen und außerdem sind wir ein Land der Zuwanderer, die von alldem keinen blassen Schimmer haben. Da ist etwas dran. Das landesgeschichtliche Wissen ist tatsächlich beklagenswert gering und die Politik mit ihren vielen zugewanderten Akteuren hat auch kein gesteigertes Interesse daran. Jeder Psychologe weiß allerdings: Gerade was nicht zum aktiven Wissensbestand gehört, kann unterbewusst Denken und Fühlen prägen.

In gewisser Weise reproduziert sich das neurotische Ost-West-Verhältnis in MV zwischen Mecklenburg und Vorpommern – bis in die Wahlgeografie zwischen dem „roten“ Mecklenburg und dem „schwarzen/blauen“ Vorpommern. Politische Bemühungen, ein landesweites Heimatgefühl – zum Beispiel mit einem Lied aus der Retorte – zu schaffen, machen das Problem eher schmerzhaft bewusst.
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Das Problem mit einem gemeinsamen Heimatgefühl setzt sich fort auf der Ebene der Kreise und der Amtsgemeinden, die fern von gewachsenen Beziehungen am grünen Tisch der Raumplaner entstanden sind. Die mangelnde Identifizierung mit diesen politischen Neuschöpfungen hat unmittelbare – negative – Auswirkungen auf Engagement-Bereitschaft und Engagement-Möglichkeiten der Bewohner.

Bei uns wie anderswo orientiert sich Heimat kleinräumig, am Wohnumkreis unabhängig von allen historischen Zuordnungen bzw. an überschaubaren historisch-geografischen Räumen: z.B. der Klützer Winkel, die Griese Gegend, die Lewitz, das Fischland oder Rügen.
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Ich komme zur zweiten Dimension: der Bewohnerschaft

Über allem steht: MV ist ein Zuwanderungsland. 1990 hatte MV rund 1,9 Millionen Einwohner. Seitdem haben in mehr als einer Million Fällen Menschen diesem Land ade gesagt und ihr Glück woanders gesucht. Gleichzeitig haben sich mehr als 1 Million Zugewanderte hier neu angemeldet – dabei sind Zweitwohnsitze noch gar nicht berücksichtigt. So verdanken wir den meist deutschen Binnenmigranten, dass es heute über 1,6 Millionen Bewohnerinnen und Bewohner in MV gibt. Wie viele von den Zugewanderten Heimkehrer sind und wie viele echte MV-Neubürger, das sagt uns die amtliche Statistik leider nicht.

Auch in Zeiten der Globalisierung leben viele dort, wo sie seit der Kindheit z.B. Nachbarn und Mitschüler kennen, wo Verwandte in der Nähe wohnen. Das gibt Vertrautheit, Sicherheit und Verbundenheit – so fühlt sich Heimat an. Zumindest im positiven Fall. Das gilt besonders auf dem Lande. Was Heimat ist, begreift man erst, wenn man länger draußen war. Viele Menschen mussten für Ausbildung und Erwerb unsere Heimat verlassen. Viele kehren zurück, weil sie sich hier wohler fühlen. In der modernen Welt wird solche Beziehungsvertrautheit seltener. Wir leben verstreuter als früher.

Einwohner, die hier geboren oder zumindest aufgewachsen sind, sind damit unzweifelhaft hier beheimatet. Ein Großteil von ihnen bzw. ihren Eltern oder Großeltern ist allerdings nicht, wie manches Klischee suggeriert, jahrhundertelang hier verwurzelt, sondern im Ergebnis des Zweiten Weltkriegs nach MV gekommen – heimatvertrieben und bettelarm um das tägliche Überleben kämpfend. Sie sind durch die Irrungen und Wendungen des „Sozialismus auf dem Lande“ gegangen und haben sich damit mal so mal so arrangiert.

Dann kommt die friedliche Revolution und die Umwälzung aller Lebensverhältnisse. Die gewohnte Heimat – das Dorf, das oft mehr oder weniger identisch mit einer LPG war – verschwindet in Wochen. Wo in MV 1990 noch 195.000 Menschen landwirtschaftlich tätig waren, werden in wenigen Monaten 120.000 „freigesetzt“. Die Wende verteilt die Karten unter allen Menschen auf dem Lande neu, die einen sind schnell weg, etliche bekommen nie wieder einen Normalarbeitsplatz, manche machen auch ihr Glück in der Heimat. Am Ende haben die meisten Dagebliebenen irgendwie ein Auskommen unter den neuen Verhältnissen gefunden. Aber die Sensibilität für gefährdete Systemstabilität bleibt. Man hat Erfahrung mit den Dissonanzen von politischem Narrativ und erlebter Realität. Das spielt heute eine enorme Rolle.

Ein ganz anderer Heimatanspruch tritt auch gleich nach 1989 auf den Plan. Von Anfang 1945 bis zum Mauerbau 1961 hatte ein riesiger Exodus von Mecklenburgern und Vorpommern stattgefunden – zuerst aus Furcht vor der Rache der Roten Armee, dann die Vielen, die sozial oder weltanschaulich nicht in das Konzept des Arbeiter-und-Bauern-Staates passten. Nun kehrten viele Exilanten zurück, um die elterlichen Ländereien, Häuser und Erinnerungsorte zu suchen. Quantitativ ist das eine kleine Minderheit unserer Bevölkerung, aber sie hat ein enormes symbolisches Gewicht. Ihr Heimatgefühl entsprang weniger einer Eigenerfahrung vor Ort als jahrelanger Familienerzählung.

Als jemand, der in seiner Wuppertaler Jugend täglich das Hohelied auf Mecklenburg hören musste (und hassen lernte), ist mir diese emotionale Dimension des Wiederfindens von Heimat gut vertraut.

Gerade auf dem Lande finden wir überall die Nachfahren des alten Adels und der bürgerlichen Gutsbesitzer. Zugewanderte, denen ihr Exil häufig erst mit der Maueröffnung wieder voll zu Bewusstsein kam und die großes Engagement mitbrachten. Nicht selten gepaart mit einem melancholischen Gefühl, das wahre Mecklenburg oder Vorpommern zu verkörpern.

In Verbindung mit der Weltläufigkeit des Wessis und den Nachwirkungen der Propaganda gegen Junker und Ausbeuter wirkte diese zweite Heimatgruppe auf viele Einheimische nicht selten fremd, wenn nicht arrogant. Jedenfalls gab es Ängste, wieder einmal untergebuttert zu werden. Das scheint mir ausgeheilt zu sein.

Eine dritte Gruppe trat schon vor 1989, aber vor allem seit Ende der 90er Jahre auf den Plan, als hier der Luxus der Leere nach der Zerschlagung der sozialistischen Betriebe und der Massenabwanderung entstand. Angezogen von diesem naturwilden, dünn besiedelten, durchgeschüttelten und irgendwie anarchischen Land im Osten entwickelte sich ein goEast. Jenseits von allzu fest gefügten Verhältnissen, wo die Claims längst abgesteckt waren, ein ganz neues Leben wagen – vor allem auf dem Lande. Nur zum Teil kamen sie aus dem Westen, nicht wenige waren auch der Ost-Urbanität überdrüssig und folgten der DDR-Sehnsucht Richtung Küste – einige sogar schon vor 1989. Ihr Heimat-Verständnis ist nicht das konservative der Herkunft, sondern in Anlehnung an Ernst Blochs „Prinzip Hoffnung“ die Heimat aus der Zukunft, die utopische Heimat, die erst zu schaffen ist.

Ob sie sich nun Raumpioniere, Neulandgewinner, Künstler, Lebenskünstler oder einfach Zugezogene nennen: Auf dem Lande kommen sie mit Gestaltungsideen für das eigene und das Gemeinschaftsleben, mit Umwelt- und Kultur-Engagement, mit Vorstellungen von Werten und Solidarität ins Dorf. Und – gemischt mit manchen Illusionen – kommen sie auch nicht selten im allzu sicheren Bewusstsein, überlegene Konzepte für irgendwie bedauernswerte Verhältnisse mitzubringen. Schlecht für Akzeptanz.

Diese Neubürgerinnen und Neubürger verfügen wie die Exilanten häufig über höhere Bildungsabschlüsse und mehr finanzielle Ressourcen als die Einheimischen. Als Menschen mit Blick von draußen erkennen Sie Probleme, aber vor allem auch Chancen und Potentiale, die einheimischer Betriebsblindheit vielleicht verborgen bleiben. Und weil sie gerade nicht in der gewachsenen Hackordnung der Einheimischen sozialisiert wurden, entfalten sie vielfältiges Engagement. Begriffe wie Raumpioniere und Neulandgewinner zeigen allerdings auch einen kolonialistischen Beigeschmack. Die Alteingesessenen finden sich unversehens in die Rolle der Indianer oder Aborigines gedrängt.

In größeren Städten gehen solche unterschiedlichen Heimat-Vorstellungen im allgemeinen Rauschen unter. Auf dem Lande haben sie Namen und Adresse.

Mittlerweile sind über drei Jahrzehnte ins Land gegangen und vielfach haben wir es mit Kindern, ja Enkeln dieser drei Gruppen – der vor 1989 Einheimischen, der Exil-Rückkehrer und der Neuland-Gewinner – zu tun. Dabei hat sich herausgestellt, dass viele Prägungen und Identifikationen auf die Nachwende-Generation übertragen wurden. Ein schnelles biologisches Auswachsen findet also nicht statt.

Wie kann das Mit- und Nebeneinander dieser unterschiedlichen Lebens- und Emotionskreise gelingen? Alle drei Heimat-Zugänge sind authentisch und legitim. Ein Kampf um den richtigen ist von niemandem zu gewinnen.

Explosiv wird diese ohnehin spannungsgeladene Mischung, wenn zwei Faktoren hinzukommen – und damit bin ich bei der dritten Dimension: der politischen Gestaltung.

Ein Faktor besteht im Finanzzugriff anonymer Investoren, die nicht bei uns ansässig sind. Das sind solche Landkäufer, Agrarinvestoren, anonyme Kapitalgesellschaften, die möglicherweise sogar im Ausland sitzen und keinerlei Kontakt zu den Menschen haben, deren Landschaft sie bearbeiten und prägen. Im Rahmen herkömmlicher Landwirtschaft spielt das in MV noch keine große Rolle. Ganz anders sieht es aus, wenn Fremde mit großen Ansammlungen riesiger Windräder und Solarfeldern in der Dimension hunderter Hektar das Lebensgefühl vor Ort massiv tangieren. Das ruft Protest auf den Plan.

Ein zweites Störgefühl entsteht mit lagermäßiger Unterbringung von Migranten – keineswegs nur Flüchtlingen -, euphemistisch Heime genannt. Das Heimatrecht bedeutete vor der Entstehung des Sozialstaats, dass in der größten Not jeder an seinen Geburtsort zurückkehren konnte und dort Hilfe erfuhr. Moderne Armutsmigration hat dieses Verhältnis auf den Kopf gestellt. Eine Kommune soll für Menschen aus fernen Ländern aufkommen, die sich nicht einmal freiwillig dorthin begeben haben. Die staatlich oktroyierte lagermäßige Unterbringung von Menschen aus ganz anderen Kulturkreisen in Orten wie Upahl, Dabel oder Demen muss zum Protest führen. Wenn dann die Protestierenden noch als braune Fremdenfeinde abgestempelt werden, wird Heimat zum Kampfbegriff. Daraus kann nichts Gutes erwachsen.

Heimat steht für ein Gefühl von Sicherheit und Vertrautheit. Allerdings: Eine Wünsch-Dir-was-Heimat gibt es nicht. Das Leiden an der Heimat gehörte immer dazu – das Leiden an politischen Entscheidungen und Haltungen, an Umweltveränderungen, an Traditionsverlusten, an Dummheit und sozialer Not. Heimat ist da, wo man mit Menschen leben muss, wie sie nun einmal sind.

Sie kennen vielleicht die MV-Punkband Feine Sahne Fischfilet. Ihr Frontmann Jan Gorkow alias Monchi war lange als linksradikal-verfassungsfeindlich gelistet, ein Mann der großen Antifa-Sprüche. Jetzt hat er ein Buch veröffentlicht, das am Beispiel seines Heimatortes Jarmen zu ganz anderen Ergebnissen kommt. Wo man sich kennt, schreibt er, könne man sich nicht mit Hass begegnen. Bei 54 Prozent AfD in seinem heimatlichen Jarmen müsse man zum Wohle der Heimat zusammenarbeiten.

Es wäre doch ein Riesengewinn, wenn Heimat diesen neuen respektvoll offenen Umgang miteinander fördern könnte. Gerade im ländlichen MV sollten wir nicht Berliner Sprüchen nachlaufen, sondern schauen, was kann hier Heimat, ein Gefühl des Grundvertrauens, stärken.

Dabei geht es nicht nur um Gefühle und Haltungen. Lassen Sie mich nur als Stichworte fünf konkrete Punkte zur Stärkung von Heimat in MV nennen.

Erstens jenseits aller großpolitischen Differenzen und Spaltungen brauchen wir eine lokale Kultur des gemeinsamen Anpackens, Feierns und Miteinander Redens. Dazu gehören Begegnungsorte von der Kirche über das Kartoffelfeuer bis zur Kneipe. Vorausgesetzt ist dabei eine intakte lokale Daseinsvorsorge von der Schule bis zum Landambulatorium.

Zweitens müssen wir wieder das Subsidiaritätsprinzip in den Mittelpunkt rücken. Die Dinge sollen so nah wie möglich bei den Bürgern entschieden werden, dort, wo man die Voraussetzungen und Folgen von Entscheidungen kennt und ausbaden muss. Dazu gehört auch eine auskömmliche Grundfinanzierung der Kommunen, damit sie nicht am Nasenring von Förderprogrammen durch die politische Arena geführt werden können.

Drittens: Zuwanderung muss neu gedacht werden. Gerade die ländlichen Gemeinden benötigen Zuwanderung, um den Sterbeüberschuss auszugleichen. Gefragt sind Zuwanderer, die Geld, Kompetenzen, Ideen und den Willen zum lokalen Engagement mitbringen, keine Leistungsempfänger und keine Zwangseinweisungen. Dafür ist es auch nötig, neuen ländlichen Wohnraum zu ermöglichen und nicht nur den baulichen Status Quo zu verwalten.

Viertens: Heimat hat viel mit Grundeigentum, der eigenen Scholle zu tun. Deshalb muss das Wohneigentum vor allem an Häusern gefördert werden. Konrad Adenauers Bundesrepublik hat dies zum Ausgleich von kriegsbedingtem Heimatverlust zu einer politischen Priorität gemacht. Jahrzehnte war der Erwerb der ersten Wohnimmobilie grunderwerbsteuerfrei. Das Bausparen war finanziell attraktiv. Es gab Steuervorteile. Alles Vergangenheit. Warum nicht auch öffentliche Hypotheken wie in der DDR abkindern? Das in Verbindung mit weniger Bau-Auflagen ermöglicht Eigenheim-Heimat, schafft soziale Aufstiegsperspektiven. Das wäre auch ein Beitrag, die Vermögensschere nicht immer weiter sich öffnen zu lassen.

Lassen Sie mich auf den fünften und letzten Punkt etwas näher eingehen.

Je weniger Heimat eine lokale Verbundenheit von der Wiege bis zur Bahre beschreibt, je mehr Wohnortwechsel wir im Laufe des Lebens haben, umso wichtiger wird Kulturvertrautheit durch Kulturkenntnis – Kenntnis durch lernende Aneignung.

Was für eine Geschichte hat mein Lebensmittelpunkt? In was für einer Landschaft – der Moränen, Sölle und Seen – lebe ich eigentlich? Was isst man hier traditionell – vom Rippenbraten und der Mecklenburger Ananas über Mecklenburger Götterspeise bis zur „toten Oma”? Was haben die vielen Namensendungen auf -ow oder -in wie Güstrow oder Schwerin mit unserem slawischen Erbe zu tun? Welche Zeitangaben – vom Sonnabend bis „viertel eins”– pflegen wir hier? Was sagt das Grüßen – zum Beispiel mit „Moin”– über unser Zusammenleben?

Bei all dem gilt: Heimat ist nicht pure Idylle, es ist auch der Ort, wo wir Konflikte austragen. Das gehört zum Leben. Aber Heimatkultur macht uns bewusst, dass wir bei allen politischen und sozialen Gegensätzen etwas Gemeinsames haben, das wir pflegen sollten.

Es gibt viele, die sich um diese kulturelle Vertrautheit verdient machen: Ortschronisten und Heimatvereine, Natur- und Denkmalschützer, Heimatstuben und Museen, Gemeindebibliotheken und Lesezirkel. Diese Kulturheimat ist unabhängig von Herkunft offen für jeden.

Und zum Schluss ein Werbeblock. „Das ANDERE Mecklenburg-Vorpommern“ heißt ein Heimat-Projekt der Mecklenburger AnStiftung. In bisher zwei Büchern und 54 Geschichten zeige ich einen anderen Zugang zur heimatlichen Kultur: Brücken bauen mit Interesse am Skurrilen und Missverständlichen, augenzwinkernd ironisch und weltoffen. Heimat zum Staunen und Schmunzeln – als Lektüre oder bei einer meiner Lesungen, denn das Reden miteinander ist grundsätzlich ein Gewinn.

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