Welches Bau-Erbe braucht die Neue Ländlichkeit? Die Bedeutung von Wahrzeichen für die Zukunft von Dörfern

Vortrag bei der Jahrestagung der Vereinigung der Denkmalfachämter in den Ländern am 10. Juni 2026 in Leipzig

Ich freue mich sehr über die Einladung zu dieser Tagung, gerade weil ich denkmalschützerişch nicht vom Fach bin. Meine Kompetenz als historischer Sozialwissenschaftler betrifft hier Strukturfragen ländlicher Räume. In diese Richtung möchte ich die Aufmerksamkeit lenken und einige Denkanstöße geben.

Großstädtisch sozialisiert, lebe ich seit 2010 im 200-Einwohner-Dorf Liessow östlich des Schweriner Sees. Liessow hat kein einziges Geschäft, keine Gastronomie, keine Kirche und bietet fast keinen Arbeitsplatz. Ein früheres Gutsdorf mit schlichter Landarbeiter-Architektur der Zwischenkriegszeit und Katalog-Einfamilienhäusern von heute. Kein Leerstand.

Was sind die Wahrzeichen, die Liessow unterscheidbar und erinnerungswürdig machen?

Das Herrenhaus wurde vor einigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen.

Das einzige markante Gebäude heute ist ein Speicher unter Denkmalschutz aus dem frühen 20. Jahrhundert. Seit 35 Jahren wird bisher fruchtlos nach einer passenden Nutzung gesucht.

Auffällig ist sonst nur eine Agrarhalle – quadratisch, praktisch, gut, beliebige Lego-Ästhetik.

Liessow wo? Das ist das Dorf mit dem Speicher. Unser Wahrzeichen.

Braucht man auf dem Dorf Wahrzeichen?  Das ist mein Thema: „Welches Bau-Erbe braucht die neue Ländlichkeit?

Fragen wir zunächst: Was ist alte Ländlichkeit? Sie war geprägt durch

  • Eine agrarische Gesellschaft in agrarischer Landschaft;
  • Vorherrschen harter körperlicher Arbeit
  • Rigide sozio-ökonomische Machtbeziehungen – das Herr-Knecht-Verhältnis
  • Zivilisatorische Benachteiligung gegenüber der Stadt, die Wissen, Herrschaft und Entscheidungen konzentrierte
  • Landleben als Schicksal von der Wiege bis zur Bahre, jedenfalls für die Unterschicht

Das alles bildet sich in der Bausubstanz regional höchst unterschiedlich ab.

In den letzten zwei oder drei Jahrzehnten hat sich eine Neue Ländlichkeit herausgebildet, deren Ausgangspunkt die Wandlung der Landwirtschaft von einer arbeitsintensiven zu einer kapitalintensiven Branche war. Um 1950 war jeder vierte Beschäftigte in der Landwirtschaft tätig, heute ist es einer von hundert. Das war zunächst eine Strukturkrise, die mittlerweile durch den technologischen Fortschritt zu einer Transformation geführt hat. Charakteristisch für die Neue Ländlichkeit sind folgende Faktoren:

  • Nichtagrarische Gesellschaft in Agrarlandschaft: Landbewohner haben heute nur noch in Ausnahmefällen mit erwerbsmäßiger Landwirtschaft zu tun, die aber das Landschaftsbild weiter prägt und mit der etliche Neuländliche fremdeln
  • Aufhebung der zivilisatorischen Differenz von Stadt und Land durch die Digitale Revolution: Das Weltwissen ist universell verfügbar geworden. HomeOffice macht Erwerbstätigkeit partiell standortunabhängig.
  • Neue Wertschätzung von Natur und Kultur auf dem Land: Während Künstler und Kreative früher die Anregungen der Stadt suchten, fliehen heute viele vor der Reizüberflutung aufs Land. Landleben zeichnet sich heute durch viele Kulturangebote und die Präsenz von Kunstschaffenden aus. Natur und „Bio“ sind zu neuen Idealen geworden.
  • Stadtkundige Landbewohner bei landunkundigen Stadtbewohnern: Während früher das „Landei“ keine Ahnung von urbanem Leben hatte, sind heute nahezu alle Landbewohner durch eigene Erfahrungen, Kinder, Mobilität etc. mit der Stadt vertraut, während sich immer wieder zeigt, dass Großstadtbewohner häufig ganz realitätsferne Vorstellungen vom Landleben haben.
  • Tendenzieller Verlust traditioneller ländlicher Alltagskompetenzen: Eine sinkende Zahl von Menschen auf dem Land weiß mit Nutzgarten und Tierhaltung umzugehen und das breite handwerkliche Selbstmachen nimmt ab.
  • Landleben als Lebensabschnittsoption: Typischerweise verlassen heute viele junge Menschen das Dorf für Ausbildungs- und Karrierezwecke oder einfach aus Neugier auf die Welt. Viele kehren mit Kindern zurück. Stadtbewohner möchten ihren Kindern eine freiere natürliche Umgebung auf dem Land bieten – im Konflikt mit reduzierten wohnnahen Bildungsangeboten. Landleben ist zunehmend auch eine Option für Projekte der nachberuflichen Lebensphase. So entsteht eine Drehtür ländlicher Ab- und Zuwanderung.
  • Neue Ländlichkeit hat noch keinen eigenen Ausdruck in der Neubausubstanz gefunden – die sogenannten „Landhaus“-Typen sehe ich als eine funktionslose Verkitschung.

Nach 1989 haben wir darüber gesprochen, dass die ländlichen Räume im Osten leerlaufen. Das hat sich geändert. Landleben ist heute ein – wenn auch in der Praxis nicht unbedingt beherrschender – Trend.

Sozialwissenschaftliche Erhebungen zum Beispiel des Allensbacher Instituts zeigen durchweg:

  • Seit rund 50 Jahren gilt Landleben im Vergleich mit Stadt als immer attraktiver.
  • Es gibt trotz Klagen über Benachteiligung ländlicher Räume eine hohe Zufriedenheit der Landbewohner mit ihrem Wohnort.
  • Es zeigt sich eine hohe Sympathie von (Groß-)Stadtbewohnern für einen Umzug aufs Land, der mehrheitlich allerdings nicht realisiert wird
  • Der Traum vom Einfamilienhaus führt aus ökomischen Zwängen hinaus aus der Stadt aufs Land.
  • Seit einem Jahrzehnt verzeichnen die meisten ländlichen Gemeinden nicht mehr Wanderungsverluste, sondern -gewinne. Viele schrumpfen trotzdem durch Sterbeüberschuss.

Das bedeutet: Wir brauchen Zuwanderung in ländliches Wohneigentum, damit die Bevölkerung nicht schrumpft, haben aber auch gute Chancen, dass diese Zuwanderung gelingt, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Welche Faktoren spielen für das Leben auf dem Lande eine Rolle?

Für ländliches Wohnen wird von der empirischen Sozialforschung üblicherweise abgefragt:

  • Natur, Ruhe, Platz („Raumwohlstand“), günstiger Wohnraum, gute Nachbarschaft und geringere Kriminalität als Vorteile;
  • Defizitäre Infrastruktur (Nahversorgung, medizinische und schulische Versorgung, öffentlicher Nahverkehr und Mobilfunk/Internet) als mögliche Nachteile;
  • Seit der Corona-Pandemie geraten HomeOffice und Krisenresilienz (angesichts von Pandemie-, Blackout- oder Kriegsgefahr) als Vorzüge in den Blick

Menschen ziehen allerdings nicht wahllos aufs Land. Wohnort-Entscheidungen sind immer konkret. Das führt zu der Frage: Was macht ein Dorf attraktiver als das andere (Immobilienangebot vorausgesetzt, das mittlerweile häufig knapp ist)? Dörfer stehen also in Konkurrenz. Dabei spielen neben den genannten Faktoren zwei eine Rolle, die von Dorf zu Dorf sehr unterschiedlich ausfallen:

  • Bürgerschaftliches Engagement: Das Berlin-Institut hat schon vor mehr als einem Jahrzehnt herausgefunden, dass Dörfer mit einem lebendigen Vereinsleben und einer Kultur des Selbst-Anpackens als lebenswerter gelten und Zuwanderung anziehen/Abwanderung mindern.
  • Nicht abgefragt wird in der Forschung die Ästhetik/Ausstrahlung eines Ortes: Hat der Ort etwas vorzuweisen, zu erzählen, was ihn besonders macht, was ihm Identität/Unverwechselbarkeit verleiht angesichts von
  • DDR-Typenhäusern, Bungalows oder EFHs im „Landhaus-Stil“
  • Agrarhallen
  • „Parks“ der Energie-Industrie
  • verwirrend kleinteilig verdichteten Neubaugebiete mit Mini-Grundstücken, die suburbane Strukturen auf das Land übertragen.

Für Städte gilt als selbstverständlich, dass sie Wahrzeichen brauchen. Das betrifft historische Bauwerke vom Kölner Dom bis zum Dresdner Zwinger. Es werden aber auch bewusst neue Wahrzeichen geschaffen: der Berliner Fernsehturm, das City-Hochhaus in Leipzig, der Frankfurter Messeturm oder die Elbphilharmonie. Regelmäßig wird argumentiert, dass sich entsprechende hohe Investitionen rechnen, weil sie tatsächlich oder vorgeblich die Attraktivität und damit die Wirtschaftskraft der Stadt heben.

Auch das Dorf benötigt für seine Identität/Unverwechselbarkeit Wahrzeichen, die Sichtbarkeit erzeugen, eine Geschichte erzählen, eine besondere Atmosphäre/Lebensqualität schaffen. Zum Beispiel:

  • Naturdenkmale, Teiche;
  • Traditionelle Bauernhäuser;
  • Kirchen;
  • historische Wirtschaftsgebäude, Mühlen, Bahnhofsgebäude;
  • Guts- und Herrenhäuser.

Zeugen alter Ländlichkeit machen den Unterschied zu suburbaner Beliebigkeit.

In der Region der ostelbischen Gutswirtschaft, aus der ich komme, ist identitätsprägende bäuerliche Architektur eher schwach vertreten. In meinem Dorf gab und gibt es kein einziges Bauernhaus, wenn man von sogenannten Neubauernstellen der frühen sozialistischen Nachkriegsjahre absieht (die übrigens auch in Beispielen erhaltenswert sind). Umso wichtiger ist das Potenzial der Gutsgebäude:

  • In gutswirtschaftlich geprägten Regionen v.a. des Nordostens markieren Gutshäuser, Speicher, Mühlen, Großscheunen… den Kontrapunkt zur Langweiligkeit traditioneller Landarbeiterkaten und moderner Kataloghäuser (angesichts fehlender zeitgemäßer an ländliche Bedürfnisse angepasster Bautypen).
  • Im Dorf sind Gutsgebäude in Verbindung mit alter Ländlichkeit und sozialistischer (Ab)Nutzung – noch – emotional hoch besetzt.
  • Erfolgreiche Medienformate wie „Gutshausretter“, „Mit Mut, Mörtel und ohne Millionen“ propagieren Gutshaussanierung erfolgreich – und nicht ganz unproblematisch – als modernes Abenteuer, das Städter aus Land lockt.

Gutsgebäude lassen sich nutzen für Identifikation mit dem Ort und seiner Geschichte, bürgerschaftliches Engagement (etwa bei der Unterhaltung/Nutzung der Gebäude), als Orte von Feierkultur (Dorffeste, Familienfeiern) und Lernorte des Landlebens (von der historischen Gutswirtschaft zum heutigen Agrobusiness).

Es bleibt zu wünschen, dass Denkmalschutz viel stärker diese sozialräumlichen Gesichtspunkte in seinen Fachentscheidungen und vor allem in seiner Legitimation gegenüber der Öffentlichkeit sowie im politischen und Verwaltungsprozess zur Geltung bringt. Denkmalschutz kann so einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, ländliche Räume florieren zu lassen und damit gleichzeitig einer Über-Urbanisierung, die städtischer Lebensqualität schadet, entgegenzuwirken.

 

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